Posse zu Pässen

            <p style="text-align: center;"><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">Wertvolle Aufklärung durch den Anti-Spiegel.</span></strong></p>

Für viele Schlagzeilen sorgte die Nachricht, dass Russland den Menschen im ukrainischen Bürgerkriegsgebiet russische Pässe ausstellen will. Die Ukraine sprach von einer „russischen Aggression“, die Aufregung im Westen ist groß. Was sind Russlands Gründe für den Schritt?


Vorbemerkung von Peds Ansichten

Themen, wie das hier behandelte, sind für den Normalbürger schwer zu durchdringen. Gerade da ist er empfänglich für die von den Massenmedien betriebene Propaganda. In bewährter Manier unterstellte sich einmal mehr die ARD-Tagesschau gehorsam der Macht ausübenden Politik. Ein Vorgang, dem eine komplexe Vorgeschichte mit vielen Beteiligten zu eigen ist, wird plump auf einen angeblich undemokratischen Machthaber in Moskau herunter gebrochen. Die Tagesschau sei zitiert:

„So wie Deutschland reagierte auch die EU mit scharfer Kritik. Die Entscheidung sei ein weiterer Angriff Russlands auf die „Souveränität der Ukraine“, erklärte eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini. Der Zeitpunkt unmittelbar nach der ukrainischen Präsidentschaftswahl zeige „Russlands Absicht, die Ukraine weiter zu destabilisieren und den Konflikt zu verschärfen“.“ (1)

Wann jemals wird der Tag kommen, an dem ein solcher Bullshit kritisch durch einen öffentlich-rechtlichen Sender auseinander genommen wird? 

Thomas Röper, der seit dem Jahr 2018 den Blog Anti-Spiegel mit äußerst lesenswerten Artikeln befüllt, hat sich des Themas angenommen.


Russische Pässe für Ukrainer – Welche Hintergründe die deutschen Medien verschweigen

von Thomas Röper (Anti-Spiegel); 26. April 2019

Originalquelle: https://www.anti-spiegel.ru/2019/russische-paesse-fuer-ukrainer-welche-hintergruende-die-deutschen-medien-verschweigen/


Um das zu verstehen, muss man die Situation im Bürgerkriegsgebiet verstehen. 2014 hat die Ukraine sämtliche Verbindungen in das Gebiet abgebrochen. Die Rentner dort bekommen zum Beispiel seit Sommer 2014 keine Renten mehr ausgezahlt. Da die Menschen in der Ukraine keine nennenswerten Ersparnisse haben, hätte das unweigerlich zu einer Hungersnot geführt. Es war Russland, das im August 2014 angefangen hat, den Menschen dort zu helfen, indem es humanitäre Hilfe liefert, um die Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Im Westen wurde damals stattdessen zwei Wochen lang wahrheitswidrig von einer Lieferung militärischer Ausrüstung berichtet.

Diese Lüge ließ sich nicht halten, da die OSZE die LKW inspizierte und das Rote Kreuz später die Verteilung im Bürgerkriegsgebiet koordinierte. Daher gab es anschließend keine Meldungen in der westlichen Presse mehr über russische Hilfskonvois. Tatsächlich sind seitdem 82 russische Hilfskonvois mit Lebensmitteln, Medikamenten und Baumaterial zur Beseitigung von Kriegsschäden in den Donbass geliefert worden. Die OSZE berichtet penibel über jeden Transport, aber die westliche Presse ignoriert die Meldungen.

Kiew hat auch entschieden, den Menschen im Bürgerkriegsgebiet keine Papiere mehr auszustellen. Kinder, die ab 2014 geboren wurden, haben daher keine international anerkannten Geburtsurkunden, Menschen bekommen keine Pässe oder Personalausweise, wenn ihre Dokumente abgelaufen sind. Die Menschen sind damit im Grunde recht- und staatenlos. Sie können nicht reisen, sie können nicht einmal mehr mit dem Zug fahren, da man in der Ukraine und in Russland beim Ticketkauf einen Ausweis oder Pass vorlegen muss.

Die selbsternannten Rebellenrepubliken haben daher angefangen, eigene Dokumente auszustellen, die jedoch außer Russland kein Land der Welt anerkennt. Da es in Russland über zwei Millionen Kriegsflüchtlinge aus der Ostukraine gibt, die ebenfalls von Kiew keine neuen Dokumente ausgestellt bekommen, war der Druck auf die russische Regierung im Inland groß, an dieser Situation etwas zu ändern und schon lange wurde daher über vereinfachte Verfahren diskutiert, den Betroffenen die russische Staatsangehörigkeit zu geben.

Das Verhalten Kiews ist schwer verständlich, denn Kiew besteht darauf, dass die ukrainischen Ostgebiete zur Ukraine gehören und die Menschen Ukrainer sind. Gleichzeitig verweigert Kiew ihnen Sozialleistungen wie Renten und sogar Papiere. Während also die „eigene Regierung“ in Kiew die Menschen rechtlos stellt, ist es Russland, das ihnen mit humanitärer Hilfe und der Anerkennung der Papiere hilft. Kiew hat sich dadurch ohne Not eine Situation geschaffen, in der es leicht zu verstehen ist, dass die Menschen in diesen Gebieten nichts mehr mit der Ukraine zu tun haben wollen.

Diese Politik kann man nur verstehen, wenn man weiß, dass die in der westlichen Presse als demokratisch gefeierte ukrainische Maidan-Regierung in Wahrheit faschistisch, nationalistisch und anti-russisch ist. Da geht es nicht um rationale Argumente, sondern um eine anti-russische Ideologie. Das machte einen Friedensprozess bisher unmöglich.


Übrigens hat sich Kiew schon im Februar 2015 im Abkommen von Minsk dazu verpflichtet, die Rentenzahlungen wieder aufzunehmen und die Hungerblockade zu beenden. Das ist in den Punkten 7 und 8 des Minsker Abkommens unmissverständlich geregelt, aber Kiew weigert sich nun schon seit vier Jahren, das umzusetzen. Trotzdem wird Russland vom Westen vorgeworfen, gegen das Abkommen zu verstoßen, dabei ist Russland in dem Abkommen gar nicht genannt und hat sich darin zu nichts verpflichtet. Dass Kiew aber gegen 10 der 13 Punkte des Abkommens verstößt und seit vier Jahren keinerlei Anstalten macht, das Abkommen zu erfüllen, wird im Westen nie erwähnt.


Die Gesinnung der faschistischen Regierung in Kiew wird deutlich, wenn man sieht, dass nun noch schnell vor Selenskys Machtübernahme ein neues Sprachgesetz eingeführt wurde, dass die Nutzung von russisch in öffentlichen Einrichtungen als Straftat einstuft. Wenn also nun zum Beispiel ein Arzt in der Ukraine mit seinem Patienten russisch spricht, kann er dafür im Gefängnis landen. Das Problem ist, dass im Osten des Landes viele Menschen gar kein ukrainisch sprechen oder verstehen. Landesweit wird geschätzt, dass ca. 15% der Menschen kein ukrainisch verstehen und in diesen Zahlen sind die Bewohner der Bürgerkriegsgebiete und der Krim, die Kiew als sein Territorium ansieht, noch gar nicht eingerechnet.

Diese Gesetz ist so skandalös, dass es selbst dem Spiegel nicht gelingt, es in einem halbwegs positivem Licht darzustellen. Die tatsächlichen Auswirkungen werden deutlich, wenn man Berichte von RT-Deutsch dazu liest, wo die Folgen klar aufgezeigt werden, während der Spiegel sie hinter wolkigen Formulierungen zu verbergen versucht.

Und es betrifft ja nicht nur die größte Minderheit in der Ukraine, die ethnischen Russen, es betrifft auch polnische, ungarische oder rumänische Minderheiten, die im Westen des Landes leben. Merkwürdigerweise gibt es aus Brüssel bisher keinerlei Kritik an dem Gesetz, obwohl es ganz klar gegen sämtliche Regelungen zum Minderheitenschutz verstößt, die Brüssel sonst immer als wichtige Werte auf seine Fahnen schreibt. Bei der Ukraine jedoch sieht Brüssel großzügig über diese Dinge hinweg.

Aufgrund dieser Diskriminierungen der Minderheiten stellen Polen, Ungarn und Rumänien ihren ukrainischen Landsleuten schon lange Pässe aus, was die Ukraine scharf verurteilt, aber im Westen ansonsten gleichmütig hingenommen wird. Aber als Russland nun viel später angekündigt hat, das gleiche zu tun, ist der Aufschrei in den deutschen Medien plötzlich groß.

Im Spiegel verdreht die Moskau-Korrespondentin Christina Hebel dabei mal wieder alle Tatsachen, um Russland als Bösewicht darzustellen. Schon die Überschrift sagt alles: „Pass-Erlass für die Ostukraine – Putins Provokation„.

Frau Hebel lügt zum Beispiel völlig offen, wenn sie über die „russische Unterstützung der Separatisten“ schreibt:

„Das geht aus zahlreichen Aufzeichnungen westlicher Diplomaten und Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hervor, welche die Verlegung von Waffen und Kämpfern von der russischen auf die ukrainische Seite dokumentierten.“

Die OSZE hat noch in keinem einzigen Bericht behauptet, Russland würde Waffen oder Soldaten schicken. Sollte ich hier etwas übersehen haben, wäre ich für die Zusendung des entsprechenden Berichtes der OSZE dankbar. Die Berichte erscheinen täglich und man kann sie abonnieren, um sie täglich per Email zugeschickt zu bekommen.

Der ganze Artikel von Frau Hebel ist so gespickt mit Unwahrheiten, dass es hier zu weit führt, sie alle aufzuführen. Es ist ein Machwerk der Desinformation. Über die Tatsache, dass Kiew eine Hungerblockade über den Donbass verhängt und die Rentner durch Einstellung der Rentenzahlungen dem Hungertod ausgeliefert hat, fehlt bei Frau Heben jeder Hinweis. Und die Tatsache, dass Russland diesen Menschen mit Hilfslieferungen und später sogar mit Rentenzahlungen das Leben gerettet hat, umschreibt Frau Hebel folgendermaßen:

„Zudem hat der Kreml bereits Milliarden von Rubel zur Finanzierung der Strukturen im Donbass, darunter auch öffentliche Einrichtungen sowie das Sozial- und Gesundheitssystem, gepumpt.“

Jedoch kein Wort darüber, warum Russland zu diesen teuren Maßnahmen gezwungen war, kein Wort über die Vorgeschichte, kein Wort über die Hungerblockade durch Kiew, das gleichzeitig darauf besteht, die Menschen gehörten zur Ukraine. Ob aber Menschen, die von der eigenen Regierung dem Hungertod ausgeliefert worden sind, noch von dieser Regierung regiert werden wollen, ist eine sehr berechtigte Frage.

Übrigens ist der Protest der Ukraine noch aus einem anderen Grund heuchlerisch, denn Russland erlaubt den Betroffenen ausdrücklich, die doppelte Staatsbürgerschaft, die ansonsten in Russland – wie übrigens auch in Deutschland – grundsätzlich verboten ist. Die Menschen bekommen mit den russischen Pässen also lediglich ihre Rechte wieder, zum Beispiel mit dem Zug fahren zu können. Gleichzeitig dürfen sie aber Ukrainer bleiben.

Nun ist die Frage, wie man es politisch zu deuten hat, dass Russland diese Maßnahme ausgerechnet jetzt ergriffen hat, nachdem gerade ein neuer Präsident die Wahl gewonnen hat.

Im Westen wird von einer Provokation gesprochen, weil Selensky doch grundsätzlich für eine Entspannung der Situation und ein Ende des Krieges eintritt, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Poroschenko, der in seiner fünfjährigen Amtszeit alles getan hat, um den Krieg zu befeuern und der nicht eine Verpflichtung des von ihm selbst unterzeichneten Abkommens von Minsk erfüllt hat.

Und tatsächlich sieht es auf den ersten Blick nach einer Provokation aus und der Stab von Selensky hat scharf reagiert und von einer „weiteren russischen Aggression“ gesprochen.

Nun weiß aber niemand, welche Politik Selensky tatsächlich machen will bzw. machen kann. Er trifft auf viele Widerstände bei dem Versuch, den Krieg zu beenden. Wenn er dabei zu weit auf die Rebellen zugeht, dann droht im nationalistischen Westen der Ukraine ein Aufstand. Wenn er bei Poroschenkos nationalistischem Kurs bleibt, gibt es keine Möglichkeit, den Krieg zu beenden. Man muss die Menschen im Osten des Landes schließlich mit Kiew versöhnen, wenn man das Töten beenden will.

Selensky ist ein Kandidat des Oligarchen Kolomoisky, der wiederum in Israel lebt und keine anti-amerikanische Politik machen kann, wenn er sich selbst nicht Sanktionen der USA aussetzen will. Und die Rechte an der populäres Fernsehserie im „Sluga Naroda“, in der Selensky seit 2015 einen guten Präsidenten im Kampf gegen Oligarchen und Korruption spielt und die ihm seinen Wahlsieg erst ermöglicht hat, gehören nicht etwa Selensky oder Kolomoiskys TV-Sender, sondern Netflix. Selensky ist also vom Wohlwollen seines Oligarchen Kolomoisky abhängig und der ist wiederum von den USA abhängig und die populäre Fernsehserie, kann von Netflix und Kolomoisky morgen gegen Selensky fortgesetzt werden, wenn Selensky eine eigene Politik zu machen droht.

Im Parlament der Ukraine hat Selensky keine Hausmacht, er wird also zumindest bis zur Parlamentswahl im Oktober ein zahnloser Tiger als Präsident sein. Russland hat daher auch sehr zurückhaltend auf seinen Sieg reagiert und angekündigt, Selensky „an seinen Taten und nicht an seinen Versprechungen“ messen zu wollen.

Wenn man dies weiß, kann man es sogar als russische Unterstützung für Selensky interpretieren, ausgerechnet jetzt zu beginnen, Pässe an Ostukrainer auszustellen, denn das gibt Selensky die Möglichkeit, sich verbal gegen Russland zu positionieren, was die Nationalisten in der Ukraine beschwichtigen wird, die ihm zu große Nähe zu Russland vorwerfen. Es kann also Selenskys innenpolitische Position stärken. Und Selenskys Stab hat auch entsprechend heftig verbal reagiert.

Aber es ist vielsagend, dass die westlichen Medien Russland wegen der Passausgabe „Aggression“ vorwerfen, während sie die Passausgabe der Polen, Ungarn und Rumänen, die seit Jahren läuft, völlig unkritisch sehen. Hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen.


Anmerkung und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel wurde mit Genehmigung des Autors Thomas Röper vom Blog Anti-Spiegel übernommen. Alle Rechte zur Nutzung und Weiterverbreitung bleiben beim Autor. Danke für die Möglichkeit der Veröffentlichung auf dieser Plattform.

(1) 25.4.2019; https://www.tagesschau.de/ausland/russische-staatsbuergerschaft-reaktionen-101.html

(Titelbild) Pass, Russland; RIA1988 (Pixabay); 13.6.2013; https://pixabay.com/de/photos/russland-reisepass-dokument-2442842/; Bild wurde nachträglich zugeschnitten; Lizenz: Pixabay License

Hetze gegen Syrien nimmt kein Ende

Die ARD-Tagesschau bleibt unbeirrt auf befohlenem Kurs.


Der Krieg gegen Syrien setzt sich noch immer fort. In die Propaganda-Bataillone, die einen Krieg begleiten und stützen müssen, ist die ARD-Tagesschau unverändert und geradezu perfekt funktionierend eingebettet. Für Terroristen in der syrischen Provinz Idlib wird die Luft enger und – wie nicht anders zu erwarten war – werden die schon so oft gespielten Platten bewährter kriegstreibender Propaganda ein weiteres Mal aufgelegt.


Offener Brief an den Journalisten des SWR, Jürgen Stryjak:

Guten Tag, Herr Stryjak,

betrachten Sie bitte das Folgende als offenen Brief. Versuchen Sie meine sehr deutliche Kritik nicht als Angriff zu werten und mich auch nicht „auf der anderen Seite“ als „Anhänger Assads“ zu verorten. Wem ich anhänge, ist der Frieden. Dafür möchte ich sehr gern sensibilisieren. Denn es geht darum, die Fronten aufzulösen und dafür ist Propaganda denkbar ungeeignet.

Ein weiteres Beispiel der ARD-Tagesschau zu ihrer kriegstreibenden Syrien-Hetze geht auf Ihr ganz persönliches Konto. Das werde ich Ihnen im Weiteren begründen. Die Überschrift Ihres Berichts vom 3. Mai 2019 lautet:

„Russische und syrische Armee – Schwere Luftangriffe auf Rebellenhochburg“ (1)

Schon in der Überschrift findet sich die erste Fälschung, denn das ist KEINE Rebellenhochburg und wer da attackiert wird, das sind auch keine Rebellen. Bitte, Herr Stryjak von der Tagesschau-Propaganda-Abteilung: Recherchieren Sie doch mal nach dem Begriff Rebellen. Die Wirklichkeit wiedergeben würde eine solche Überschrift:

„Russische und syrische Armee – Schwere Luftangriffe auf Stellungen islamistischer Milizen“

oder so eine:

„Russische und syrische Armee – Schwere Luftangriffe auf bewaffnete Extremisten“

oder so eine:

„Russische und syrische Armee – Schwere Luftangriffe auf terroristische Gruppen“

Weil Sie aber, Herr Stryjak, mitsamt Ihrer Tagesschau-Propaganda-Abteilung ihre Stellung im Krieg gegen Syrien nicht wagen aufzugeben, kommen Ihnen solche Überschriften gar nicht in den Sinn.

So kommt Ihnen auch nicht in den Sinn, was den Unterschied zwischen „Rebellen“ und „terroristischen Gruppen“ ausmacht. Weil auch Sie brav Ihr Feindbild des Diktators in Damaskus weiterpflegen, sind Sie in der Lage, die Begrifflichkeiten einfach umzukehren. Und so werden bei Ihnen aus Terroristen Rebellen. Das ist Propaganda, Falschberichterstattung, Fake News – wie Sie wollen.

Weil Sie mit Ihrem Feindbilddenken diese Umdeutung auch innerlich geschmeidig vollzogen haben, können Sie als nächstes eloquent das Tatsächliche in Frage stellen:

„Staatsmedien sprechen vom Kampf gegen «terroristische Gruppen»“ (2)

Der Spin – gleich in der Einleitung verankert – ist klar: Da wir ja den – Ihrer inneren Logik nach – von Assad gelenkten, Staatsmedien nichts glauben dürfen, sollten wir deren Berichte über „terroristische Gruppen“ auch nicht so ernst nehmen, nicht wahr, Herr Stryjak? Mir stellt sich die Frage, wer sich hier mehr als Staatsmedium geriert. Offensichtlich ist für mich, dass die ARD-Tagesschau da absolut konkurrenzfähig ist.

Waren Sie sich im voraus der Empörung bewusst, die eventuell den Kommentarbereich geflutet hätte? Ist deshalb die Kommentarfunktion – wie bei mehreren anderen Syrien-Berichten – gesperrt?

Warum nun lässt sich Ihr Bericht als Propaganda klassifizieren? Unter anderem deshalb:

  • Er reißt Tatsachen aus dem Zusammenhang (Dekontextuierung).
  • Er vereinfacht unzulässig und schränkt den erforderlichen Wahrnehmungshorizont ein (Framing).
  • Das Prinzip von Ursache und Wirkung wird verletzt, in dem es umgekehrt wird, oder die Ursachen gar nicht erst genannt werden.
  • Er konnotiert, moralisiert und polarisiert, um den Rezipienten auf die gewünschte Seite zu ziehen (Emotionalisierung).
  • Er benutzt fragwürdige Quellen, Gerüchte, Deutungen und Stellungnahmen (!), um seine Botschaft anzureichern.

All das lässt sich ohne weiteres und zuhauf in Ihrem Beitrag erkennen.

Mir stellt sich die Frage, wieviel Zeit sie in diesen in drei Minuten gelesenen Artikel investieren konnten/durften/wollten: eine halbe oder eher nur eine viertel Stunde? Kann auch das der Grund sein, warum er journalistischen Standards in keiner Weise gerecht wird? Dürfen Sie, Herr Stryjak, im Falle Syriens keinen seriösen Journalismus pflegen oder können Sie es nicht? Das hier ist jedenfalls Propaganda und Sie sind offenbar auserlesen, sie an das Publikum weiterzureichen.

„Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sollen Hubschrauber der syrischen Luftwaffe allein heute rund 100 der international geächteten Fassbomben abgeworfen haben.“ (3)

Wenn Sie sich etwas Zeit nehmen und diesen von Ihnen verfassten oder übernommenen Satz wirken lassen. Kommt Ihnen dann unter Umständen eine Ahnung, das dort im Prinzip Schwachsinn steht? Schwachsinn natürlich nicht im Sinne gelungener Propaganda, sondern in dem des gesunden, reflektierenden Menschenverstandes.

Wenn ich als Redakteur der ARD-Tagesschau über nun ein halbes Jahrzehnt hinweg zu einer Quelle wie der „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ hinzufügen MUSS:

„Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Sie bezeichnet sich als unabhängig. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.“ (4)

Lässt Sie das niemals stutzig werden? Oder wissen Sie um die Unglaubwürdigkeit – weil Parteilichkeit – dieser Quelle und nutzen Sie aber trotzdem?

Diese Quelle, von der auch Sie, Herr Stryjak, wissen, dass Sie unglaubwürdig, weil parteiisch und deren Informationen nicht durch von ihr unabhängige andere Quellen zu prüfen sind. Abgesehen davon, dass Sie einfach ein Gerücht in einem als Nachricht zu bewertenden Bericht packen (Stichwort: „sollen“!). Auf dieser Quelle also bauen Sie Ihre Berichterstattung zu Syrien auf? Haben Sie es zudem ein einziges Mal gewagt, zu recherchieren, was Fassbomben eigentlich sind, wie und wann sie eingesetzt werden und wie ihre Schadenswirkung ist?

Herr Stryjak, würde die syrische Armee „international geächtete“ (a2) Fassbomben einsetzen, wäre sie mit dem Klammersack gepudert, weil die Schadenswirkung dieses Behelfs – denn mehr als das ist es nicht – äußerst begrenzt ist. Sie schnupfen das Wort nur deshalb auf – oder geben das Gerücht, die Verleumdung (!) brav weiter – weil es sich so gut mit „armer Zivilbevölkerung“ verbinden lässt, die von „Fassbomben terrorisiert wird“. Ist halt Blödsinn, Sie schreiben es trotzdem.

Wiederholen wir es immer wieder, Herr Stryjak: Sie produzieren Propaganda. Aus dieser der nächste Beleg:

„Seit vier Tagen sind die Luftangriffe besonders heftig. Sie treffen Dörfer und Wohnviertel und nach Angaben einer medizinischen Hilfsorganisation auch Krankenhäuser und Behelfskliniken.“ (5)

Dass ein Krieg an der Zivilbevölkerung nicht vorbeigeht, ist hinreichend bekannt und das gilt natürlich auch für die Kampfhandlungen in der syrischen Provinz Idlib. Was Sie aber mit Ihrer Kriegs-Propaganda emotional vermitteln, ist, dass hier von „Assads Truppen“ gezielt und ausschließlich zivile Einrichtungen bombardiert würden. Was Sie zudem mit Ihrer Propaganda wegzaubern, sind die klar benennbaren Ziele und außerdem der Grund der Bombenkampagne. Das ist krasse Desinformation, um den Gegner zu stigmatisieren.

Herr Stryjak, Sie sind im Krieg – und zwar schon lange, mindestens seit 2014 (6). Das filtert wirksam Ihre kundgetane Empörung von menschlichem Leid. „Anhänger von Assad“ fallen da bei Ihnen – man möchte sagen, inzwischen traditionell – einfach durch (7). Wer die gerade angegebene Quelle nun geprüft hat, für den erscheint Ihre folgende Herstellung von Bildhaftigkeit in einem ganz besonderen Licht:

„Die Menschen würden regelrecht abgeschlachtet.“ (8)

Dieses Abschlachten ist ein bittere Realität des Syrien-Krieges, Belege, das so etwas syrische Soldaten gemacht hätten, gibt es allerdings nicht. Bei den „Rebellen“ oder „Regimegegnern“ (siehe auch weiter unten) sieht das schon etwas anders aus. So einige dieser aufs Schlachten spezialisierten „Rebellen“ sitzen da in Idlib. Das darf Ihnen doch klar sein, oder etwa nicht?

Wie darf man sich das also vorstellen? Syrische Hubschrauber schlachten mit Fassbomben Menschen ab? Geht es noch blöder? Natürlich geht das und auch noch blöder würde es funktionieren. Sie greifen ja Ihr Publikum – also uns hier in Deutschland, die so etwas ertragen müssen – auch nicht auf der rationalen Ebene an sondern zielen auf dessen Emotionen. Was läuft da im Hinterkopf ab – wohl etwas in der Art:

Na ja, vielleicht sind ja möglicherweise auch „terroristische Gruppen“ dort, mit denen aber die syrische Armee immer ihre furchtbaren Terrorangriffe gegen die arme Zivilbevölkerung bemäntelt. Wir wissen ja, wie Diktatoren so sind. War ja früher auch nicht anders. Denken wir nur an den „Schlächter aus Belgrad“ oder die „Irren aus Bagdad und Tripolis“.

Dann hat das Sinn, was Sie hier vermitteln:

„In den syrischen Staatsmedien heißt es, dass die Luftangriffe gegen «terroristische Gruppen» gerichtet seien. In der Tat werden Teile der Provinzen Idlib und Hama von extremistischen Milizen kontrolliert – unter den Angriffen leiden aber auch die Zivilisten, wie ein Mann aus dem Dorf Haadj berichtet.“ (8)

Also wegen der leidenden Zivilisten darf das syrische Militär nicht gegen Extremisten vorgehen – also gar nicht? Ist es das, was Sie und nicht nur Sie, immer dann vorschlagen, wenn Syrien daran geht, dieses Problem zu lösen? Denn diese Nummer ziehen Sie doch ständig. Oder ist es schlicht nur der Vorwand? 

Tote und verletzte Zivilisten lassen komischerweise bei der ARD-Tagesschau immer nur dann und dort die Tränendrüsen anschwellen, wenn ganz in der Nähe auch Terroristen sind. Sie und Ihre Kollegen nutzen natürlich nicht den Begriff Terroristen, nicht bei Terroristen die in Syrien die Drecksarbeit für gewisse Interessen verrichten. Hier, in Deutschland selbst, kann man mit Unmassen herbeifantasierter „Terroristen“ viel besser Hysterie schüren.

„Regimegegner“, Herr Stryjak, setze ich hier in Anführungszeichen, Sie natürlich in Ihrem Bericht nicht.

„Das betroffene Areal in der Provinz Idlib ist das letzte größere Gebiet, das von Regimegegnern kontrolliert wird und das noch nicht von den syrischen Regierungstruppen und ihren Verbündeten zurückerobert wurde.“ (9)

Sie lassen mit Ihrer propagandistischen Wortkunst islamistische Terroristen – nicht wenige von ihnen ausgemachte Halsabschneider (siehe weiter oben) – in der größeren Gruppe der „Regimegegner“ aufgehen. Das wohlgewählte – im deutschen negativ konnotierte – „Regime“ ist böse, da müssen ja dessen Gegner auch gut sein, ein bisschen wenigstens. Wer für Sie der wahre Feind ist, begegnet einem in Ihrem Aufsatz auf Schritt und Tritt – hier schon wieder:

„Jeder Zweite ist in den Jahren zuvor aus einem anderen Landesteil dorthin geflohen, unter anderem vor dem Assad-Regime.“ (10)

Durch Ihre Selektion haben Sie auch diesem Satz eine Tendenz gegeben und ihn so seiner Wahrhaftigkeit beraubt. Es ist unbestritten, dass auch eine Reihe von Menschen vor dem „Assad-Regime“ geflüchtet ist. Die Zahl jener aber, die vor terroristischen Gruppen – beachten Sie, dass ich die Anführungszeichen weglasse – flohen, ist mit Sicherheit die Dominierende. Schon deshalb, weil es bis zum heutigen Tag Millionen Syrer vorgezogen haben, in die unter Regierungskontrolle stehenden Gebiete zu flüchten.

Die Tendenz, die Sie Ihrem Bericht zuvor gegeben haben, lässt den Leser das Folgende – schließlich wurde er lange genug ideologisch angemessen bearbeitet – schon „richtig“ einordnen. Sie haben das Feld gut vorbereitet, dass das hier nicht hinterfragt wird:

„Nach UN-Angaben kamen bei Angriffen auf das Gebiet in den vergangenen drei Monaten 300 Zivilisten ums Leben, 60 allein im April. Im selben Monat sollen etwa 32.000 Menschen von dort geflohen sein, meldet das Koordinationsbüro der UN für humanitäre Angelegenheiten. Die Zahl der Flüchtlinge habe sich damit seit Anfang Februar auf knapp 140.000 erhöht.“ (11)

Denn zu hinterfragen wäre, wer, wann, warum, wohin flüchtete – und natürlich durch welche Primärquellen die Zahlen erhoben wurden. Mit Quellenangaben tut sich ja die Tagesschau eh schwer. Schließlich geht es oft nur darum, Menschen ein gewünschtes Gefühl zu vermitteln.

In einem weiteren Bericht, den Sie, Herr Stryjak aber nicht zu verantworten haben, übernimmt die ARD-Tagesschau nonchalant vorbereitete Meldungen der dpa, die Ihre zuvor vermittelte Propaganda nun passend im Empörungs-Management aufgehen lassen. 

„Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini hat die Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser im Nordwesten Syriens scharf verurteilt. Die jüngste militärische Eskalation in der Region mit Luftangriffen und Artilleriebeschuss auf zivile Einrichtungen sei ein «inakzeptabler Verstoß gegen internationales Recht»“. (12)

Dass Frau Mogherini ob des „inakzeptablen Verstoßes gegen internationales Recht“ nicht unverzüglich vor Scham im Boden versunken ist, lässt sich nur schwer begreifen. Schließlich ist sie sich als EU-Außenbeauftragte über die Strangulierung Syriens durch die umfassenden Sanktionen der Europäischen Union völlig im Klaren. Einen Teufel wird sie tun, diese Sanktionen in ehrlicher, ethischer Berührung als „Verstoß gegen internationales Recht“ zu brandmarken. So wenig, wie es ihr einfällt, die dadurch verursachte Not der Syrer als „inakzeptabel“ zu bezeichnen. So wie Ihre „Sorge“ ist die von Frederica Mogherini zweckbezogen. Sie wallt auf, wenn sie dienlich ist.

Das wäre doch mal ein Thema für Sie, Herr Stryjak, um auf die humanitäre Katastrophe hinzuweisen, die dadurch in Syrien nochmals verschärft wurde. Dort könnten Sie auch Ihre Sorge um die Belange der Befindlichkeiten syrischer Zivilisten loswerden. Dürfen Sie darüber nicht schreiben oder können Sie es nicht? Was darf ich dazu meinerseits annehmen?

Während eine echte und damit differenzierte Berichterstattung über Syrien bei der Tagesschau praktisch nicht stattfindet, poppt bei den Verantwortlichen dagegen regelmäßig die „Sorge um die Zivilbevölkerung“ hoch, wenn al-Qaida in Syrien unter Bedrängnis gerät (13,a3) – und das im Prinzip seit Beginn des Syrien-Krieges. Stellt sich noch die Frage, wer dann immer die vielen toten Zivilisten zählt, über die der „besorgte“ Mainstream dann barmt – die hier?

„Die oppositionelle Gruppe Syrische Zivilverteidigung sprach sogar von 22 getöteten Zivilisten und mehr als 60 Verwundeten seit Freitagabend.“ (14)

Also: Entweder ist das eine ganz neu entstandene „oppositionelle Gruppe“. Oder aber die Propaganda-Abteilung der ARD-Tagesschau hat mitbekommen, dass der Begriff „Weißhelme“ – ob derer wahren Rolle in Syrien – so ausgelutscht ist, dass man ihn dem Publikum als solchen nicht mehr verklickern kann. Wir können davon ausgehen, dass die Jungs mit den Helmkameras aus Deutschland bei der ARD nun unter dem neutralen und geraubten Namen „Syrische Zivilverteidigung“ weiter die passenden Fotos und Filme für die Propaganda in Europa liefern.

Sie könnten da mal recherchieren, Herr Stryjak, wer – neben Ihnen und Ihrem Haus – noch so alles am Krieg gegen Syrien beteiligt ist.

Wie dem auch sei: Aus dem „würde“ und aus den zweifelhaften Quellen wurde nun – wie gehabt – eine neue Wahrheit. Wie schon 2016 in Aleppo und 2018 in Ost-Ghouta geht in der medial erschaffenen künstlichen Realität nun wieder jeden Tag ein neues Krankenhaus oder gern auch eine Schule in Flammen auf. Das mediale Konzept zur Kriegführung, für das sich Ihr Haus, Herr Stryjak hergibt, ist sonnenklar. Was knallharte Politik damit bezweckt, ist es ebenso:


Es gibt einen Konsens im Machtgefüge des Wertewestens, dass der erfolgreiche Kampf gegen den Terrorismus in Syrien nicht gewollt ist. Es gibt einen Konsens, den internationalen Terrorismus zu unterstützen. Das sehen Sie in Idlib, denn noch immer herrschen dort Ihre getätschelten und behüteten „Rebellen“ und genauso berichten Sie und Ihr Haus deshalb auch über Syrien.


Die Kräfte, als deren Sprachrohr sich die ARD-Tagesschau strapaziert, missbrauchen auch seit jeher gern und wiederholt die UNO, um die nach Syrien geschleusten Terroristen für den Krieg gegen Syrien in dieser Rolle zu schützen. Inwieweit interessiert es die „Empörten“ und „Besorgten“ aus Medien und Politik (15) dabei wohl, wie toll die Menschen das Leben unter der Herrschaft von Islamisten finden, die kalifatsähnliche Strukturen mit einem Rechtssystem der Scharia anstreben? Es interessiert sie einen feuchten Kehricht – es ist die pure Heuchelei.

„Auf Initiative Deutschlands, Belgiens und Kuwaits berät der UN-Sicherheitsrat am Freitag in einem Dringlichkeitstreffen über die Kämpfe in der Provinz Idlib.“ (16)

Interessiert es Sie, Herr Stryjak? Es gibt einen klar nachweisbaren und Tag für Tag betriebenen und koordinierten Staatsterrorismus, in dem Sie Ihre kleine, feine Rolle spielen. Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass Sie einmal diese – Ihre Rolle – kritisch prüfen. Der Krieg gegen Syrien muss beendet werden. Essenzieller Teil dessen ist, dass auch die Medienschaffenden bei der ARD-Tagesschau aus diesem Krieg aussteigen.

Achtungsvoll, Ped

Bitte bleiben Sie, liebe Leser, schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(a1) Dies ist ein offener Brief, der parallel mit Veröffentlichung auf dieser Plattform an Jürgen Stryjak versendet wurde.

(a2) Man beachte: Propaganda vermittelt uns eine Überzeugung, dass nur die Waffen und Munition des Gegners „international geächtet“ sind, die eigenen aber erlaubt. Die Staaten der westlichen Hemisphäre haben so ziemlich alle Massenvernichtungswaffen eingesetzt, die man sich vorstellen kann. Das hat den Tod von Millionen Menschen zur Folge gehabt. Weißer Phosphor der von Inherent Resolve in Syrien eingesetzt wird, ist selbstredend NICHT „international geächtet“.

(a2) Man musste keine Wetten abschließen, um bei der nächsten Empörungswelle zu „Fassbomben auf Zivilisten“ (wo bleibt eigentlich das Giftgas?), auch die altbekannten und fleißig gesponsorten Weißhelme – sich unrechtmäßig „Syrische Zivilverteidigung“ nennend – wiederzutreffen. Deren Beziehung zu den Extremisten in Syrien, wie auch zu den Ziehvätern hierzulande ist geradezu symbiotisch. Daher lässt sich sagen, dass überall dort, wo die Weißhelme nicht mehr „helfen“, der Terrorismus schwere Niederlagen erlitten hat.

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(1-5,8-12) Jürgen Stryjak; 3.5.2019; https://www.tagesschau.de/ausland/luftangriffe-idlib-101.html

(6) 8.11.2014; https://urs1798.wordpress.com/2014/11/08/die-cia-und-mossad-bewaffnete-daraa-sudarmee-mordet-genauso-wie-die-terror-organisation-is-israel-syrien-usa-jordanien-fsa-al-ciaida/

(7) 24.12.2014; https://urs1798.wordpress.com/2014/12/24/raqqa-ein-jordanischer-kampfpilot-wird-vermutlich-fur-die-verbrechen-der-angriffskriegsmafia-gegen-syrien-bezahlen/

(13,17) 9.5.2019; https://www.tagesschau.de/ausland/eu-idlib-101.html

(14,15) 5.5.2019; https://www.tagesschau.de/ausland/syrien-idlib-105.html

(16) 7.5.2019; https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/sieben-kliniken-in-idlib-nach-luftangriffen-zerstoert-16175305.html#void

(Titelbild) Auge, Frau, Syrien; Autor: kalhh (Pixabay); 26.10.2015; https://pixabay.com/de/illustrations/frau-auge-weltkarte-syrien-1007603/; Lizenz: Pixabay License

Grenzgänger für den Frieden

Eine Betrachtung zu Jürgen Todenhöfer und seinem Buch „Die große Heuchelei“.


Jürgen Todenhöfer ist das beste Beispiel dafür, wie wenig hilfreich es ist, Menschen in Schubladen zu stecken, um sie danach anhand der Beschreibung der Schublade zu klassifizieren und sodann auf- oder abzuwerten. Außerdem zeigt er uns, dass es unzählige Wege gibt, für den Frieden auf unterschiedlichen Ebenen aktiv zu werden. Todenhöfer hat nicht DIE Lösung hierfür, sondern – und das ist viel besser – seine ganz eigene gefunden.


„Grenzgänger für den Frieden“ weiterlesen

Grenzgänger für den Frieden

            <p style="text-align: center;"><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">Eine Betrachtung zu Jürgen Todenhöfer und seinem Buch "Die große Heuchelei".</span></strong></p>

Jürgen Todenhöfer ist das beste Beispiel dafür, wie wenig hilfreich es ist, Menschen in Schubladen zu stecken, um sie danach anhand der Beschreibung der Schublade zu klassifizieren und sodann auf- oder abzuwerten. Außerdem zeigt er uns, dass es unzählige Wege gibt, für den Frieden auf unterschiedlichen Ebenen aktiv zu werden. Todenhöfer hat nicht DIE Lösung hierfür sondern – und das ist viel besser – seine ganz eigene gefunden.


Darin steckt unter anderem eine Rolle als Diplomat, als Mittler zwischen Nationen – auch jenen, die nach dem offiziellen Narrativ keine direkten Beziehungen miteinander pflegen dürfen. Vater und Sohn Todenhöfer waren in einer Vielzahl von Situationen ganz nah am Elend des Krieges und dort weit weg von Politik und Diplomatie, die zwar auf ihre Art auch schmutzig ist, aber in gepflegten Räumen und sorgfältig gepflegter – wenn auch verlogener – Sprache stattfindet. Doch Jürgen Todenhöfer hat ungeachtet dessen auch immer die Kontakte mit hochrangigen Politikern als wichtig empfunden und aufrecht erhalten – was im weiteren Text noch gewürdigt wird.

Seine Jahrzehnte gepflegte Nähe zu politischen Eliten öffnete ihm Türen, die anderen verschlossen bleiben. Solche Vernetzungen können puren Lobbyismus bedienen, müssen es aber nicht. Jürgen Todenhöfer scheint ganz offenbar ein Mensch zu sein, der Vertrauen genießt, weil er sehr bewusst anderen Menschen Vertrauen entgegenbringt, quasi in eine Vorleistung geht. Weil er Vertrauen nicht missbraucht. Er erinnert mich diesbezüglich an den vor wenigen Jahren verstorbenen Peter Scholl-Latour.

Das – gepaart mit seinen finanziellen Möglichkeiten – erlaubt Jürgen Todenhöfer, sich als Wanderer zwischen den Welten zu bewegen und das ist nicht nur im geografischen Sinne gemeint. Denn seine Reisen schließen auch eine Bewegung über die gesamte Vertikale der Machthierarchie unserer Gesellschaft, von den Ärmsten, Mittellosesten und Rechtlosesten bis hin zu den Spitzen der Politik ein. Seine in eine Reihe von Büchern gefassten Einblicke strahlen die Glaubwürdigkeit des direkt Erlebten aus und das gilt auch für sein neuestes Werk Die große Heuchelei (1).

Todenhöfer gibt uns in diesem Buch – manchmal fast beiläufig – die Puzzleteile, die es benötigt, um Konflikte zu verstehen. Er setzt das Puzzle nicht zusammen. Er hat nicht vor, uns das Denken abzunehmen. Vielleicht kann er es auch gar nicht. Seine Analysen und Wertungen beschränken sich fast immer auf den ethischen Anspruch – seinen und den des von den westlichen Gesellschaften propagierten. Beispiele finden wir zuhauf – zum Beispiel in seinem Vor-Ort-Bericht aus Mossul:

„Schon Anfang 2003, kurz vor der US-Invasion, hatte ich sie [die Stadt Mossul] besucht und bewundert. Stundenlang war ich durch ihre Gassen geschlendert. Sunniten, Schiiten, Jesiden und Christen lebten hier harmonisch zusammen. Genauso wie Araber und Kurden.“ (2)

Merken wir auf, was uns Todenhöfer hier aus erster Hand vermittelt: Das allgemeine Narrativ hierzulande berichtet über Konflikte im Nahen und Mittleren Osten immerfort in einer Weise, dass die unterschiedlichen Konfessionen, insbesondere des Islam, nicht friedensfähig seien. Man macht religiösen Zwist als Ursache von Kriegen fest. Dem war und ist nicht so. Religiöse, über Ländergrenzen hinweg gewalttätige Extremisten übernahmen in jenen Staaten immer erst dann das Zepter, wenn westliche Staaten in die gesellschaftlichen Prozesse dort mit einem großen Instrumentarium an Machtmitteln eingegriffen hatten. Das war in Syrien nach 2011 nicht anders als wie in Libyen im selben Jahr und im Irak nach 2003. Es gilt aber ebenso für Afghanistan seit den 1970er – und Jugoslawien seit den 1990er Jahren. Sie erleben es außerdem im Falle Eritreas und des Jemen. Der Iran ist betroffen und Russland ebenso.

Todenhöfer setzt fort:

„Die Menschen waren mir gegenüber sehr freundlich, obwohl sie unter Sanktionen des Westens bitter zu leiden hatten. Diese Sanktionen, die der Vatikan „pervers“ nannte, hatten in Mossul tausende Menschen getötet. Im Gesamt-Irak hatten sie einer halben Million Kindern das Leben gekostet.“ (3)

Erfassen wir: Eine der stärksten Waffen der Kriegsführung westlicher Staaten ist der Wirtschaftskrieg, der Aufbau eines umfassenden Sanktions-Regimes, das Abschneiden vom internationalen Zahlungsverkehr, die mit Gewalt durchgesetzte Blockade zur Lieferung lebensnotwendiger Güter, die damit beabsichtigte Verarmung und Schwächung des betroffenen Landes, um es für eine revolutionäre Situation reif zu machen. Diese Politik, Gesellschaften auf wirtschaftlich-sozialer Ebene auszubluten, wird von Politikern des Westens wie auch in den dortigen gleichgeschalteten Medien verbrämt und verfälscht wiedergegeben. Man verkauft sie als „Strafmaßnahmen“ gegen „Diktatoren“ und deren Klientel. Man tut so, als ob die Sanktionen nur Einzelpersonen betreffen. Mehr noch wird in zynischer Weise die Begrifflichkeit „humanitäre Maßnahme“ in den Mund genommen. Man beschwört einen Genozid – und betreibt ihn höchstselbst. Sind sich die Leser im Klaren, dass sie Teil dieses mörderischen Systems sind?

Das wahre Ziel des auch von Jürgen Todenhöfer so benannten Wertewestens ist ganz klar die Herbeiführung einer Schmerzgrenze für die Bevölkerungen, um gegen ihre Regierungen aufzubegehren. Die tieferen Ursachen, warum der Westen eine solche Politik wirklich betreibt – man ist fast geneigt zu sagen, betreiben muss -, reißt der Autor höchstens an. Doch sollten wir alle eben das tun. Jürgen Todenhöfer gibt uns, aber auch sich selbst – immer noch in Mossul weilend – weiteres Denkfutter:

„Nach der US-Invasion und dem Sturz Saddams hatte für die sunnitische Mehrheit Mossuls eine neue Leidenszeit begonnen. Die neuen schiitischen Herrscher gingen hart gegen die einst mächtigen Sunniten vor. Sie ließen sie spüren, dass ihre Zeit vorbei war. Durch Schikanen, durch Verhaftungen, durch Todesschwadronen.“ (4)

Hat Todenhöfer erkannt, wer das zu verantworten hatte? Ist ihm klar, dass dieser Zwist im Konzept des „Teile und Herrsche“ ganz bewusst von der US-Besatzungsmacht herbeigeführt wurde?


Wer die Ergebnisse der US-Interventionen weltweit als Fehlschläge der US-Politik begreift, liegt falsch. Geostrategen wie der verstorbene Zbigniew Brzezinski definierten das vielmehr ausdrücklich als Ziele, um als weltweiter, angeblich unabhängiger Richter zum Austarieren von Machtbalancen auftreten zu können. Diese „Fehlschläge“ haben den USA über Jahrzehnte Macht und somit Einfluss gesichert.


Mit der kompletten Auflösung des irakischen Regierungsapparates schuf die US-Besatzungsmacht ein wirtschaftliches und administratives Chaos im Land – was fälschlicherweise in den Medien als Machtvakuum bezeichnet wird. Die politische Verfolgung des vorrangig sunnitisch geprägten entmachteten irakischen Beamtenapparates, wie auch das Installieren einer schiitisch dominanten Vasallenregierung, die ihrerseits umgehend damit begann, Sunniten zu diskriminieren, ermöglichte und förderte den Aufstieg von al-Qaida im Allgmeinen und dem Islamischen Staat im Besonderen.

Ein nicht endendes Chaos im Nahen Osten zu schaffen („kreative Zerstörung“), um sich damit die Kontrolle über die Region zu sichern („Greater Middle East„), war das erklärte Ziel der ziokonservativen Eliten in Washington, nachdem sie die im Project for the New American Century (PNAC) verankerte globale Vorherrschaft der USA als verbindlich verankert hatten.

Dementsprechend benötigten die USA im Irak das folgende: Eine korrupte, undemokratische und hörige, schiitisch geprägte Regierung, die fleißig mit den Erlösen irakischen Erdöls Produkte der boomenden US-Rüstungsindustrie kauft, den im Irak tätigen US-Unternehmen fette Gewinne garantiert und dabei in Schulden versinkt, welche über neu aufgenommene Kredite von US-Banken bedient werden, zum Einen. Eine quantitativ rasch anwachsende, sunnitische, militante „Opposition“, die auf geheimnisvolle Weise radikalisiert und vollständig für einen Krieg ausgerüstet wird, zum Anderen. Schließlich noch die gezielte Förderung der Kurden im Norden des Landes, um deren Separatismus anzutreiben. Idealerweise kommt dann für „Die einzige Weltmacht“ so etwas heraus:


https://i1.wp.com/peds-ansichten.de/wp-content/uploads/2015/12/2006-06_TheProjectForTheNewMiddleEast_RalphPeters_US-NationalWarAcademy.jpg?resize=640%2C431
Neuer Naher Osten; Blutgrenzen: wie ein „besserer“ Naher Osten aussähe; Ralph Peters, Pentagon (b1)

Als Julian Assange per WikiLeaks dafür sorgte, Kriegsverbrechen der USA im Irak öffentlich zu machen, wurde auch bekannt, wie politische Gefangene in von den USA „betreuten“ Gefängnissen wie Abu Ghraib systematisch misshandelt wurden. Man kann diese Misshandlungen auch anders interpretieren: als Konditionierung extremistischer Führer einer zukünftigen, sunnitisch geprägten Armee, die sich später zum Beispiel Islamischer Staat oder Jabhat al-Nusra nennen würden (5,6).

Es ist eben so, dass die geostrategischen Konzepte der USA – zur Sicherung ihres umfassenden Einflusses – ganz klar vorsehen, potenziell starke, heterogen geprägte Staaten zu zerschlagen und durch kleinere, gut lenkbare Staatsgebilde zu ersetzen. Unbedingte Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung ist das Entfachen von Hass zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Diesen, durch wohl kalkulierte Maßnahmen entfachten Hass, einen Hass, den er zuvor aus Mossul in keiner Weise kannte, hat Jürgen Todenhöfer beschrieben. Er lässt uns im weiteren wissen:

„Doch im Juni 2014 eroberten überraschend ein paar Hundert IS-Kämpfer Mossul. […] Die Sunniten von Mossul wehrten sich nicht gegen die ’sunnitischen‘ Eroberer. Zusehr waren sie von den Schiiten schikaniert worden.“ (7)

Dieses Bild möchte ich vervollständigen. „Überraschend“ ist Teil des wertewestlichen Narrativs vom Phänomen des IS, samt seinem „unaufhaltsamen Aufstieg“. Ein stabiler Staat Irak – egal ob schiitisch, sunnitisch oder gemischt – wird letztlich auch ein souveräner Staat sein. Souveräne Staaten lassen sich nicht kontrollieren und gegeneinander ausspielen. Daher war der Aufstieg des IS eben nicht überraschend (siehe auch weiter oben). Der Todesmut seiner Kämpfer und die Brutalität mit der er gegen seine Gegner vorgeht, können nicht genügen, um seinen Erfolg zu erklären.

Der IS besiegte am laufenden Band eine hochgerüstete irakische Armee – und das auch noch in Anwesenheit tausender US-Soldaten, Agenten und von den USA bezahlter Privatarmeen. Der zentrale Militärstützpunkt der USA für den Nahen Osten, CENTCOM ist nah. Die Interventionsmacht kann im Prinzip lückenlos aus der Luft aufklären und bombardieren. Doch in Mossul erbeutete der Islamische Staat zum Beispiel hunderte Humvees, fabrikneue gepanzerte Militärfahrzeuge, die der Irak gerade von den USA gekauft hatte. Eine Übermacht von 30.000 gut ausgerüsteten Soldaten war zuvor sang- und klanglos aus Mossul abgezogen worden und hatte diese Fahrzeuge „in der Hektik des Rückzugs“ zurückgelassen, sodass 800 Glaubenskrieger faktisch kampflos in Mossul einzogen (8).

Der IS fuhr in US-Kampfpanzern vom Typ Abrams M1 durch die Gegend, die sich – so meine Vermutung – nur durch elektronische Codes starten und durch diese auch sperren lassen. Das kann auch aus der Ferne geschehen. Das sind hochmoderne Fahrzeuge, die einer qualifizierten Wartung und Bedienung bedürfen. Oder überschätze ich heutige moderne Waffentechnologien? Wer den Krieg im Nahen Osten tatsächlich steuert, das beschreibt Jürgen Todenhöfer – ohne sich dessen Tragweite tatsächlich bewusst zu sein. Er beschreibt – wohl auch, um die Sprachlosigkeit angesichts des Geschehenen zu überwinden:

„Am 17. März 2016 waren rund 150 Menschen […] aus umkämpften Gebieten in ein leerstehendes Gebäude des Stadtteils Al-Jadidah geflüchtet. […] Es war unwahrscheinlich, dass sie durch Bomben angegriffen würden. Die US-Flugzeuge und Satelliten hatten ja leicht erkennen können, dass hier nur Familien mit Kindern Zuflucht gesucht hatten. Doch die Flüchtlinge irrten. Die US-Bomber kamen und feuerten vier Raketen auf das Haus ab. 137 Menschen wurden zerfetzt, verbrannt, von den Trümmern des Hauses erschlagen. (9)“

So sehr Jürgen Todenhöfer auch ahnt, dass die westlichen Staaten tief in die Entfachung und Aufrechterhaltung von Kriegen im Irak, Syrien, Jemen, Libyen, Mali, Afghanistan, Sudan, Kongo verwickelt sind. Der „Wertewesten“ steckt noch viel, viel tiefer in diesen Katastrophen. So weit mag Todenhöfer dann nicht gehen. Sein Bruch mit jenem Weltbild, das jener Schicht entspringt, der auch er entstammt, ist eh schon bemerkenswert. 

Jürgen Todenhöfer hat einen moralischen Anspruch und diesen legt er auf alles, was er beobachtet. Für mich entstand beim Lesen seines Buches der Eindruck, dass hier der Wunsch, immer moralisch zu handeln, auch die Lösung aller Probleme beinhaltet. Geht so etwas überhaupt? Wenn ein irakischer Offizier, der dutzende Kameraden bei der Befreiung des IS in Mossul verloren hat, nicht bereit ist, zwei tote IS-Kämpfer zu begraben oder Anweisungen dafür zu geben, ist das moralisch für den Deutschen verwerflich. Doch macht er es sich damit nicht zu leicht? Denn er ist nicht verstrickt in diesen Krieg, er ist „nur“ mitleidender, aber außenstehender Beobachter.

Doch sein konsequenter moralischer Anspruch ermöglicht es ihm auch, das Lügenhafte in den ständig moralisch gefärbten Stellungnahmen und Handlungen westlicher Politiker und Medienleute zu erkennen. Wegreißen tut er diese moralisierende Fassade nicht in Gänze, aber er sieht die Manipulation, die Lüge an sich:

„Ich glaube, dass wir draußen vor der Tür viele vergessen haben. Die politischen Eliten des Westens fordern die Errungenschaften unserer Zivilisation letztlich nur für den Westen. Für sich selbst. Sie interessieren sich nicht für die Rechte von Menschen in anderen Kulturkreisen. Ihre Menschenrechtspolitik gegenüber dem «Rest der Welt» ist eine Mogelpackung. Eine raffinierte Verhüllung kalter, oft brutaler Interessenpolitik. Heimliche kulturelle Apartheid.“ (10)

Sehr bewusst hat Todenhöfer sein Buch „Die Große Heuchelei“ betitelt. Er ist angewidert von der beständigen Heuchelei von Politikern, samt den ihnen hinterher hechelnden Medien – angefangen derer in den USA, fortgesetzt von hörigen europäischen Politikern. Er vernimmt die gesalbten Worte mit ihren vorgeschobenen, vermeintlich humanitären Absichten und erfährt bei seinen Reisen den schreienden Widerspruch in der Realität. Er versucht sich und uns diese Heuchelei zu erklären. Doch oft ist da Fassungslosigkeit und Ohnmacht. Warum sprechen Leute in Machtpositionen immer von Werten, wenn sie doch in Wahrheit Interessen meinen? Folgerichtig nennt er den Untertitel seines Buches:

„Wie Politik und Medien unsere Werte verraten“

Sofort koppelte das in mir mit der „westlichen Wertegemeinschaft“ und der suggestiven Botschaft, dass der Westen besondere, einzigartige Werte in sich trägt. Jürgen Todenhöfer stößt damit – so meine ich – an seine Grenzen, wenn er versucht „unsere Werte“ – die von den westlichen Demokratien postulierten – als Versprechen, als ethische Verpflichtung festzumachen. Dann lässt er sich doch hinreißen, in „eigentlich“ gute und per se schlechte Menschen zu unterscheiden:

„Der tägliche Verrat unserer Werte macht es einem Politiker wie Trump leicht, sie hohnlachend über Bord zu werfen und ganz offen auf nationale «Eigeninteressen» zu setzen.“ (11)

Doch was soll das sein: „unsere Werte“? In mir trage ich meine ureigenen Werte als Mensch und nach diesen handele ich – und manchmal tue ich das nicht. Nicht anders ergeht es auch Jürgen Todenhöfer selbst. Er legt eine Elle an, die zu hoch ist, für die, die er anklagt und für ihn selbst ebenso. Die eigene Biografie kann ihm sagen, dass konsequent ethisch reines Handeln eine Illusion ist (12). Wir alle machen da ständig große und kleine Kompromisse.

Die herumposaunten Werte der westlichen Mächte aber sind von diesen nie mit der Absicht verkündet worden, auch umfassend verwirklicht zu werden. Der Westen hat so gesehen seine Werte nie verraten. Innerhalb des Systems, dem wir folgen sollen, gab es nie welche. Menschen dagegen haben sehr wohl ihre Werte – weltweit. Viele dieser Werte sind universell und berühren deshalb uns alle. Macht nutzt das aus und vereinnahmt mittels Propaganda die uns innewohnende Ethik und damit unser Selbst. Sie vergewaltigt uns mit samt unseren wahrhaftigen Werten für egoistische Interessen.


Es sind letztlich nicht die „westlichen Werte“ sondern die ureigenen ethischen Werte des Menschen Jürgen Todenhöfer, für die eben dieser in seinem Buch leidenschaftlich wirbt. Das ist die für mich entscheidende Note des Buches: der nicht müde werdende Appell an unsere Humanität, an unser friedliches, gemeinsames Menschsein.


Getroffene Hunde bellen und fast folgerichtig wird Todenhöfer von devoten Transatlantikern wie dem Chefredakteur der Zeit, Joseph Joffe, der mit der seinerseitigen Moral noch jeden „humanitären Einsatz“ gerechtfertigt hat, hart und respektlos angegriffen. In der Replik auf ein früheres Buch Todenhöfers versteigerte sich Joffe in den Wahn dieser Moral eines klassischen Bellizisten – ganz nach dem Motto „Wir sind die Guten“:

„Dieser absolute Pazifismus [Todenhöfers] ist der zentrale Denkfehler. Wer die Friedfertigkeit als höchstes Gut proklamiert, sagt gleichzeitig, dass er jeden anderen Wert im Namen des Friedens zu verraten bereit sei: Familie, Freunde, Nation, dazu Freiheit, Gerechtigkeit und Unabhängigkeit.“ (13)

Joffe als Kriegs-Demagoge hat mit diesem Argument noch jeden Krieg der letzten drei Jahrzehnte, so er vom Wertewesten geführt wurde, in einen Friedenseinsatz umgemogelt. Leute wie Joffe richten – meiner Ansicht nach – die verheerendsten Schäden in den Köpfen der Menschen an.

Jürgen Todenhöfer hat in seinem Buch auch versucht, die Frage zu beantworten, warum er das tut, was er da tut: Reisen zu unternehmen, die von unserer Warte aus zuweilen den Eindruck erwecken, dass da ein Mensch von Todessehnsüchten getrieben ist.

Ungeachtet der Antworten, die er sich dazu selbst abringt, denke ich, dass sich mit dieser „Reiselust“ auch die inneren Konflikte, geboren aus der Widersprüchlichkeit der Erfahrungen des Jürgen Todenhöfer manifestieren. Er ist auf der ständigen Suche nach Wahrheit, nach Gewissheit und jede Erkenntnis treibt ihn zu einer neuen Suche. Ja, er ist ein Getriebener. Das scheint zu seinem inneren Wesen zu gehören. Solche Menschen sind sehr wertvoll, weil sie in Grenzbereiche vorstoßen und außerdem ihre dort gemachten Erfahrungen an uns weitergeben (a1).

Wagemut bedarf des Glücks, was auch das des Tüchtigen ist. Wünschen wir Jürgen Todenhöfer und seinem Sohn, dass sie dieses Glück nicht verlässt. Weil die beiden dort hingehen, wo es weh tut, zu sehen. Wo das Leiden und der Tod von Menschen durch die große Nähe ganz anders fühlbar werden, überwinden sie – mit ihrer wahrhaftigen Empörung – auch die Schere im Kopf.

Das zeigte sich im Buch sehr deutlich, als der Publizist über seine Erlebnisse in Palästina berichtete. Er hat dort geradezu physisch eine völlig andere Opfer-Täter-Rolle wahrgenommen, als jene, welche von der israelischen Politik als Rechtfertigung für ihre Apartheid gegenüber den Palästinensern vorgeschoben wird. Er nimmt mit seiner entschiedenen Verurteilung dieser Politik bewusst in Kauf, von einer sehr umtriebigen Israel-Lobby hier in Deutschland als Antisemit verunglimpft zu werden.

Einen Teil seiner Einnahmen aus dem Buchverkauf spendet Jürgen Todenhöfer für die Betreuung traumatisierter, palästinensischer Kinder. Im März 2016 brachte er selbst 50.000 Euro nach Gaza mit und erlebte mit den Kindern einen Nachmittag auf einem Bolzplatz. Stunden später geschah dies:

„In der Nacht dieses wundervollen Tages hörten wir Explosionen. Ein Luftangriff, obwohl die Kampfhandlungen seit über einem Jahr beendet waren? Am nächsten Tag erfuhren wir, dass es tatsächlich einen israelischen Angriff auf eine Militäranlage der Hamas gegeben hatte. Splitter einer Rakete hatten ein Bauernhaus in der Nähe unseres Fußballplatzes getroffen. Und dort die sechsjährige Isra’a und ihren Bruder, den zehnjährigen Yassin, im Schlaf getötet. Wir waren zurück in der Realität.“ (14) 

Warum taten die Israelis das? Todenhöfer fährt fort:

„Vor dem israelischen Luftangriff hatte offenbar eine extremistische palästinensische Splittergruppe eines ihrer idiotischen Kassam-Geschosse auf israelisches Gebiet gefeuert. Und wie meist nichts getroffen. Die israelische Regierung machte für diesen Angriff die Hamas verantwortlich. Obwohl sie wusste, dass die Hamas seit Längerem keine Raketen mehr abfeuerte. Und auch nicht jeden Winkel Gazas kontrollieren konnte. Kassam-Geschosse konnten aus jeden Garten, aus jeder Hausruine abgeschossen werden. In Israel war bekannt, dass die Hamas teilweise brutal gegen radikale Splittergruppen in Hamas vorging. Aber solche Details spielten bei den «Abstrafaktionen» Israels keine Rolle.“ (15)

Aufgewühlt von dem Erlebten schrieb Todenhöfer einen öffentlichen Brief an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, in dem er an dessen Mitgefühl appellierte. Ob Netanjahu den Brief überhaupt gelesen hat, ist nicht bekannt.

Im Angesichts des Leides der Menschen suchte Todenhöfer auch zu weiteren Spitzenpolitikern den Kontakt: zum syrischen Präsidenten Baschar al-Assad – den er selbst als Diktator bezeichnet -, oder zum Neokonservativen Richard Perle, einem der Hauptgestalter von PNAC (siehe oben). Er vermittelte Ende des Jahres 2015 sehr ernsthafte Angebote des syrischen Präsidenten zur Konfliktbeilegung an die US-amerikanische Regierung und persönlich an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Keine dieser Initiativen hat in irgendeiner Weise das politische Tun der Adressaten verändert. Was diese Schreiben nicht sinnlos macht. Ganz im Gegenteil müssten politisch Verantwortliche auch hier in Deutschland mit diesen regelrecht zugeschüttet werden.

Der ehemalige Konzern-Vorstand gibt mit diesem Auftreten dem namenlosen menschlichen Leid, das ja selbst in dieser Namenlosigkeit – dort wo es nicht passt – verschwiegen wird, wieder ein Gesicht.

Am Menschen Jürgen Todenhöfer mit seiner einzigartigen Biografie lässt sich begreifen, dass Schubladendenken unserer Erkenntnis nicht dienlich ist und stattdessen zur Spaltung zwischen uns Menschen beiträgt. Todenhöfer entstammt einer Klasse im System, deren Mitglieder auch Kapitalisten genannt werden. Doch ist eine jede Persönlichkeit komplex und wandelbar. Die Reduzierung auf diese eine Klassifizierung wird dem Menschen und auch seinen Ansichten und ethischen Ansprüchen und Handeln nicht gerecht. Es ist keinesfalls so, dass eine Nähe zu Eliten zwangläufig korrumpieren muss. Ob und inwieweit hängt in letzter Instanz von der eigenen Persönlichkeit ab und was für den ehemaligen Burda-Vorstand gilt, hat auch für jeden anderen Menschen Gültigkeit – unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung.

Jürgen Todenhöfer ist aufrichtig empört. Seine Trauer und der Zorn ob des gesehenen menschlichen Leids anderswo lässt ihn mit einem System abrechnen, das unser aller System ist und in dem wir also leben. Wir leben gut in dem System und Todenhöfer ahnt, dass unser Wohlstand mit den Kriegen „da unten“ zu tun hat. Auch wenn er es nicht wagt, die tieferen Ursachen der Kriege, die von den Nationen der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft losgetreten wurden, zu erforschen.

Er zweifelt nicht am System selbst, sondern meint, dass „nur“ dessen ethische Grundlage wieder freigelegt werden muss. Er bleibt bei einer rein ethischen Sicht und kritisiert über diese die Unehrlichkeit in der moralischen Bewertung anderer Gesellschaften und Menschen durch den Wertewesten. Letztlich reflektiert er damit auch sein eigenes, dieser geforderten Ethik widersprechende Tun in der Vergangenheit (a1). Folgerichtig appelliert er an die Entscheidungsträger, ehrliche Politik zu betreiben.

Das schmälert aber nicht seine Leistung, die darin besteht, den „anderen Part“, das von Politik und Medien des Mainstreams Verschwiegene, offen zu legen.

Todenhöfers Buch „Die große Heuchelei“ und das dem vorausgegangene Handeln sind vorrangig Appelle an das Verstehen und vor allem an den Frieden. Seine Ansagen sind emotional, teils verzweifelt, doch immer authentisch. Er ruft unsere Gesellschaft als Ganzes zu echter Humanität – statt der vorgeschobenen heuchelnden – auf. Die Botschaft Frieden zu leben, sie ist das Wertvollste dieses Buches.

Bleiben Sie bitte schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(a1) Jürgen Todenhöfer hatte durchaus seinen eigenen konfliktreichen Weg zu bewältigen, bis er so kompromisslos wie heute für den Frieden eintrat. In der Vergangenheit trat er sehr wohl parteiisch auf und unterstützte aktiv Kriege für „höhere Werte“, so wie in Afghanistan in den 1980er Jahren.

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(1) Jürgen Todenhöfer; Die große Heuchelei – Wie Politik und Medien unsere Werte verraten; 2019; Propyläen (Ullstein Buchverlage GmbH); ISBN 978-3-945-10003-5; im weiteren benannt JTGH

(2) JTGH; S.18/19

(3,4,7) JTGH; S.19

(5) B. Vorsamer; 7.4.2010; https://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-video-wie-die-bilder-aus-abu-ghraib-1.4026

(6) Samuel J. Provance, WikiLeaks; 13.2.2006; https://file.wikileaks.org/file/us-provance-2006.pdfhttps://wikileaks.org/wiki/Abu_Ghraib_whistleblower_Samuel_Provance_statement,_unredacted,_13_Feb_2006

(8) 12.6.2014; https://www.theguardian.com/world/2014/jun/11/mosul-isis-gunmen-middle-east-states

(9) JTGH; S.41/42

(10) JTGH; S.28

(11) JTGH; S.37

(12) https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Todenh%C3%B6fer; abgerufen: 28.4.2019, 11:00 Uhr

(13) Joseph Joffe; 20.2.2014; https://www.zeit.de/2014/08/juergen-todenhoefer-du-sollst-nicht-toeten

(14) JTGH; S.85/86

(15) JTGH; S.86

(b1) Blood borders: How a better Middle East Would Look; Ralph Peters; 2006; Armed Forces Journal; http://www.armedforcesjournal.com/blood-borders

(Titelbild) Kind, Leid, Krieg, Zerstörung; KELLEPICS (Pixabay); 27.7.2017; https://pixabay.com/de/photos/krieg-kind-leid-zerstörung-verlust-2545307/; Lizenz: Pixabay License

 

Übungen in Propaganda-Immunisierung

            <p style="text-align: center;"><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif;">Die ARD-Tagesschau und ihr Tagesgeschäft.</span></strong></p>

Es ist hart, beim Regierungssender – was er vorgibt, nicht zu sein – angestellt zu sein. Heftig weht schon seit geraumer Zeit der Wind eines empörten Publikums in die Redaktionsstuben. Doch ist das ein selbst verursachtes Leid und der Preis für das Dienst-Verhältnis. Ändern können es nur die Diener selbst – in dem sie diese Rolle verlassen.


„Übungen in Propaganda-Immunisierung“ weiterlesen

Treibhauseffekt – Aufhellungen

            <p style="text-align: center;"><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">Treibhauseffekt</span></strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;"> und </span><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">Treibhausgase - </span></strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">Fortführung eines </span><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">aufgeheizten</span></strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;"> Themas.</span></p>

Das Echo auf den Artikel „Betrachtungen zum Treibhauseffekt“ war gewünscht und hat mir so einige neue Erkenntnisse gebracht, die es wert sind, an dieser Stelle verarbeitet zu werden.


„Treibhauseffekt – Aufhellungen“ weiterlesen

ARD-Tagesschau – unsere tägliche Dosis Propaganda

            <p style="text-align: center;"><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;"><strong>ARD</strong>-<strong>Tagesschau</strong></span><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;"> und ihre</span><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;"> Propaganda</span></strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;"> zu </span><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">Venezuela.</span></strong></p>

Es ist unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit die ARD-Tagesschau ihre Propaganda zum Thema Venezuela fortführt. Ihre Anbiederung an die deutsche Außenpolitik, die sich wiederum devot vor der Macht aus Washington tief verneigt, ist geradezu grotesk. Wie kommt eigentlich ARD-Chefredakteur Gniffke abends in den Schlaf?


Guten Tag, Herr Gniffke,

Erinnern Sie sich gelegentlich an den 11. September? Das war mein erster Gedanke, als ich die Nachricht Ihrer Redaktion las, die in propagandistisch vorbildlicher Art und Weise dem Leser vorgab, was er von Geschehnissen in Venezuela zu halten hat.



Um schon mal das erste Leckerli aus diesem Witz von einer mit dem Anspruch von Unvoreingenommenheit verfassten Meldung herauszupicken:

Herr Gniffke, auch Sie sind umstritten!

Das meine ich nicht zynisch, ja nicht einmal ironisch. Sie, Herr Gniffke, sind sogar sehr umstritten. Da ich mich außerhalb Ihres Glashauses bewegen kann, höre ich das aus allen Richtungen. Lieber Herr umstrittener Kai Gniffke, da es ja inzwischen normal geworden ist, bei missliebigen Politikern eine Konnotation einzubauen, die, wenn man nicht immer die abgedroschene Keule vom Diktator schwingen will, „umstritten“ lautet, was meinen Sie, wie sich das anfühlt?

Spätestens dann, Herr Gniffke, wenn Macht Sie Tag für Tag und auf allen Plattformen unweigerlich mit dem Zusatz umstritten verziert und Sie damit systematisch demontiert werden. Ja, dann werden Sie möglicherweise eine ansatzweise Ahnung verspüren, was es bedeutet, zum Freiwild zu mutieren. Bitter werden Sie sich über diese Ungerechtigkeit, das Nichtverstehen Ihrer Situation beschweren. Dass es von Ihrer Seite bei anderen Menschen dann nun auch nicht so weit her war, lässt sich verdrängen.

Ihr Partnersender ZDF hat sich an die Definition für den Begriff Opposition gewagt. In etwa so verstehe ich ihn auch:

„Die Aufgabe der Opposition ist es, die Regierung zu kontrollieren, zu kritisieren und bei den politischen Diskussionen eigene Vorschläge zu machen. Außerdem vertreten die Parteien in der Opposition die Interessen der Menschen, von denen sie gewählt wurden.“ (1)

Die Sprache aus dem Hause Tagesschau lügt, Herr Gniffke – und zwar ständig. Gewalttätige Putschisten erfahren im Wording Ihrer parteiischen Berichterstattung die Taufe zu Oppositionellen, der Präsident einer gewählten Regierung wird dagegen zum Machthaber. Putschisten sind Demokraten und Demokraten sind Machthaber. Haben wir erst einmal den Demokraten zum Machthaber abgewertet, geht dann auch „umstritten“ locker über die Zunge.

Lesen Sie etwas vom Journalisten Orwell, Herr Gniffke, denn genau diese Mechanismen beschreibt der in seinem Buch 1984. Es sollte zur Pflichtlektüre für Journalisten, Korrespondenten und Redakteure der ARD werden. Sanktionen gegen Venezuela verschweigen Sie oder unterlassen den damit zu erklärenden Kontext. Dafür wird die gezielte Verletzung der Souveränität des Landes bei Ihnen zu einer „humanitären Hilfe“. Zwei Sätze krassester Propaganda:

„Wieder setzte die Opposition auf den Seitenwechsel der Armee, wieder scheiterte sie. Auch Ende Februar, als Guaidó die Soldaten vor die Wahl stellte, humanitäre Hilfe aus Kolumbien ins Land zu lassen oder weiter zu Machthaber Maduro zu halten, war die Rechnung nicht aufgegangen.“ (2)

Anne-Katrin Mellmann vom RBB kann sich mit dieser Beleidigung von Journalismus nicht hinter Ihnen verstecken. Doch Sie, Herr Gniffke, können es umgekehrt auch nicht.


Zur Vervollständigung: „humanitäre Hilfe“ ist Blödsinn. Hilfe im tatsächlichen Sinne des Wortes – nämlich uneigennützig Menschen in Not beizustehen – ist immer humanitär. Wirkliche Hilfe ist nicht berechnend sondern empathisch. „Humanitäre Hilfe“ ist rational ganz dünn, aber emotional ganz stark – es ist eben ein Kampfbegriff der Propaganda.


Mehrmals habe ich in diesem Jahr Briefe an Sie verfasst, die sich mit subtilen Propagandawerkzeugen befassten. Nicht mit plumpen Lügen sondern mit fein eingewobenen emotionalen Triggern, um Menschen unterbewusst zu beeinflussen. „Umstritten“, „Machthaber“, „humanitäre Hilfe“ und „Opposition“ sind dafür weitere schöne Beispiele. Ihre Antworten darauf gab es – immerhin. Allerdings waren sie auch äußerst karg und das Gefühl in mir hat sich nicht verändert, dass Sie sich entweder nicht ehrlich mit dem Thema befassten oder Sie das längst alles wissen und das Ihr tatsächlicher Auftrag es vielleicht doch ist, tendenziös zu berichten, sie es also tun müssen

Hat doch der gewählte Präsident eines Landes es tatsächlich in Erwägung gezogen, die versuchte militärische Revolte gegen seine Regierung als Putsch zu bezeichnen? Wollen Sie, Herr Gniffke, mir allen Ernstes erzählen, dass Ihnen dieser propagandistische Dreck, den Ihre – beachten Sie – umstrittene Korrespondentin in Mexiko-Stadt da verzapfte, nicht aufgefallen ist? Da ich Sie ernst nehme, halte ich das – inzwischen – für ausgeschlossen.

Es ist nämlich so: Diese Revolte durch die Karrikatur von einem fremdgesteuerten Möchtegern-Präsidenten als Aufstand, gar als Volksaufstand zu bezeichnen – das hat sich die so unbefangene Tagesschau-Redaktion dann doch nicht gewagt. Sie hätte diesen Bruch von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit natürlich – wäre Sie unabhängig in Ihrem Tun – als das bezeichnen können, was es tatsächlich ist: kriminell. Der Mann gehört hinter Gitter. Nichts anderes würde ihm bei einem nicht annähernd gleichgearteten Verhalten in Deutschland blühen. Aber was bitte, Herr Gniffke, hat das mit Journalismus zu tun (Hervorhebung durch Autor)?

„Für Venezuelas umstrittenen Präsidenten Maduro ist der Putsch, wie er die gestrigen Krawalle mit vielen Verletzten und Festgenommenen nennt, vorbei. Sein Widersacher Guaidó rief für heute zu neuen Protesten auf.“ (1)

Inzwischen hat, nicht Venezuelas Bevölkerung, dafür die interventionistische Politik des Westens und seine Jounaille – ganz vornweg mit dabei die ARD-Tagesschau – diesen gekauften Putschisten zum „Widersacher“ gekrönt. Als ob es um einen quasi organisch gewachsenen Machtkampf innerhalb der politischen Führung des Landes ginge.

Die echte Krönung aber – und wir sind noch in der Einleitung des Berichts Ihrer Korrespondentin – ist, dass die Tagesschau es hinbekommt, diesen per se kriminellen Putsch des kriminellen Guaidó beim Leser unterschwellig als Protest zu verpacken. Wie lange feilt man eigentlich an einer Nachricht, bis sie einen solchen, explizit gewünschten Spin enthält?

Mein Schreiben an Sie begann mit dem Hinweis auf den 11. September. Das bleibt für immer ein besonderer Tag und uns allen in Erinnerung, denn an diesem Tag wurden alle demokratischen Werte, die auch aus Ihrem Haus so volltönend zu vernehmen sind, durch den Dreck gezogen. Rechtsstaatlichkeit spielte keine Rolle, während man diese gleichzeitig einforderte – einforderte von den Opfern! Der 11. September war daher auch ein Tag der Lüge, der Offenbarung.

An jenem 11. September wurde ein Land angegriffen und damit wir alle. Alle unsere Ideale wurden infrage gestellt, wir waren gefordert zu handeln, nicht wahr? Das Wahrzeichen des Landes wurde mit Flugzeugen angegriffen und in Brand gesetzt. Wir hatten die Möglichkeit, uns mit den Opfern zu solidarisieren und uns von Terroristen zu distanzieren. Mit Terroristen machen wir uns nicht gemein.

Denkt man.

Dem Putsch war eine hemmungslose Hetzkampagne gegen den gewählten Präsidenten des Landes vorausgegangen, an dem sich westliche Medien intensiv beteiligten. Erst wenn genug entmenscht, genug Hass entfacht wurde, sind die Menschen bereit, auch zu töten. Dafür ist ja inzwischen Ihr Haus berühmt: Dass es die Dinge nur schwarz und weiß zeichnet, dass es bis zum Exzess polarisiert, dass es wertet, nach oben und nach unten, je nachdem wie die Macht, einschließlich der Meinungsmacht es einfordert.

Dem beugen Sie sich, Herr Gniffke. Nicht von Ihrem Haus rede ich, nicht von Ihrer Redaktion, nein wirklich von Ihnen als Menschen. Sie können Ihre Verantwortung für die kriegstreibende Hetze nicht damit abstreifen, dass sie das leider tun müssen. Zumal es kein Einzelfall ist. Denn Sie mussten es ja immer wieder tun. Erinnern Sie sich? Denn die Ereignisse des 11. September wiederholten sich, wenn auch nicht an diesem geschichtsträchtigen Datum.

Dem 11. September war auch – das dürfen wir nicht vergessen und vor allem auch nicht von dem anderen trennen – ein Wirtschaftskrieg vorausgegangen. Ein umfassendes Sanktionsregime war in Gang gesetzt worden, um das Land zu destabilisieren und das Volk gegen seine Regierung aufzuhetzen. Es endete in brutaler Gewalt und in vielen tausend Todesopfern. 

Sie und ich wissen natürlich, dass es beim 11. September um den terroristischen Anschlag auf Chile und seine demokratisch gewählte Regierung – gesteuert aus dem Ausland und ausgeführt in dessen Interessen – ging. Der 11. September 1973 ist ein Tag, der uns zeigen kann, wer und was tatsächlich unsere ureigenen ethischen Werte bedroht. Die Moneda – der Präsidentenpalast in der Hauptstadt Santiago – wurde mit Kampfflugzeugen bombardiert, der Präsident Salvador Allende ermordet, ein brutales Militär-Regime installiert.

Aus der Vergangenheit lässt sich lernen. Natürlich nur, wenn man Dissonanz konstruktiv auflöst. Das gilt für uns alle, auch für mich. Natürlich auch für Sie, Herr Gniffke, denn die Berichterstattung Ihres Hauses – so wie sie derzeit zu erleben ist -, sie ist unverzichtbare Voraussetzung, ja Teil jeden Krieges. Hätten die westlichen Massenmedien ehrlich über die Vorgeschichte des 11. September berichtet, wäre das, was dann an diesem Tag geschehen ist, praktisch unmöglich gewesen!

Das gilt allerdings für heute ganz genau so.

Hätten die westlichen, sich so unglaublich unabhängigen und journalistischen Grundsätzen verpflichteten Massenmedien, ehrlich und unvoreingenommen in den 1990er-Jahren aus Jugoslawien, 2003 aus dem Irak sowie im Frühjahr 2011 aus Libyen und Syrien berichtet, dann wären all die Kriege, geführt von der Wertegemeinschaft des Westens, unmöglich gewesen. Verstehen Sie, es wäre dort heute vielleicht nicht perfekt. Das ist es ja hier auch nicht. Aber es wären nicht ganze Regionen verheert. Viele hunderttausend Menschen wären nicht getötet, Millionen nicht verletzt und ebenso viele könnten in ihrer Heimat leben, statt als Flüchtlinge entwurzelt zu sein.

Ihr Haus, Herr Gniffke, hätte also im Heute und Jetzt die Möglichkeit all das in Venezuela zu verhindern. Denn was heute in Venezuela geschieht, ähnelt in vielen Aspekten beängstigend dem, was vor dem 11. September in Chile geschah. Wie es damals endete, wissen wir – und heute? Herr Gniffke, ich fordere Sie NICHT auf, die Seite zu wechseln. Sie sollen nicht Nicolas Maduro in die Arme schließen.


Sie dürfen einfach nur Völkerrecht, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie tatsächlich achten. Sie dürfen die Entscheidungen, die das Volk in Venezuela für sich trifft, achten. Einmischung und Parteinahme zu ersetzen durch Achtung und Respekt ist das Gebot der Stunde. Die Freiheit das zu tun, hat jeder zu jeder Zeit.


Zum Abschluss: Vielleicht ist es eine gute Idee, statt des untauglichen Versuches, Demokratie zu exportieren, sie einfach erst einmal zu leben. Damit allein hätten wir schon gut zu tun (a1).

Achtungsvoll, Ped

Bitte, liebe Leser, bleiben Sie schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(a1) Demokratie möchte ich in diesem Falle als das verstehen, wie wir durch das Wort emotional berührt werden. Ob Demokratie nicht doch ein Widerspruch in sich ist, kann an anderer Stelle behandelt werden.

(Allgemein) Dieser Text ist identisch zum persönlichen Schreiben an Kai Gniffke, das – gleichzeitig mit der Veröffentlichung hier – an ihn gesendet wurde.

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(1) 21.7.2016; https://www.zdf.de/kinder/logo/opposition-100.html

(2) Anne-Katrin Mellmann; 1.5.2019; https://www.tagesschau.de/ausland/venezuela-gewalt-proteste-maduro-103.html

(Titelbild) Venezuela, Flagge; Autor: alexandersr (Pixabay); 8.8.2008; https://pixabay.com/de/photos/venezuela-bandera-flagge-caracas-1716111/; Lizenz: Pixabay License

 

Korea und das Scheitern einer Weltorganisation

            <p style="text-align: center;"><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">Krieg unter der Flagge der Vereinten Nationen.</span></strong></p>

Der Krieg, den die USA und ihre Verbündeten mit dem Mandat und unter dem Namen der Vereinten Nationen in Korea führten, wurde von den beteiligten Staaten, Opferzahlen und Zerstörungen aus gesehen nur von beiden Weltkriegen übertroffen. Als – trotz begonnener Waffenstillstands-Verhandlungen – der Bombenkrieg gegen Nordkorea forciert wurde, hatte die UNO längst das Gesicht einer Organisation der Völker verloren.


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Bitterböses Syrien-Theater

            <p style="text-align: center;"><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 14pt;">Der Kriegswille des Wertewestens gegenüber Syrien ist ungebrochen.</span></strong></p>

Diese Destruktivität einer sich selbst als Wertegemeinschaft gebenden Allianz hat zu millionenfachem Elend in Syrien geführt. Den Preis des von den westlichen Moralaposteln gern als Transformation bezeichneten angestrebten gewaltsamen Regierungswechsels in Damaskus bezahlt das gesamte syrische Volk. Allerdings: Wenn auch langsam, so doch stetig entgleitet den „kreativen Zerstörern“ so nach und nach ihr Projekt.


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Die Sache mit dem Eigentum

            <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 14pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;"><strong>Woher kommt das Recht auf Eigentum?</strong></span></p>

In unserer Gesellschaft wird regelmäßig die Verteilungsfrage gestellt, eine nach der gerechten Verteilung von Eigentum. Die Umverteilung von unten nach oben wird thematisiert – und dass so etwas Unrecht ist. Aber steckt im Eigentum – als der einer moralisch fundamentalen Kategorie – nicht bereits von Grund auf ein Unrechtsakt?


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