Legenden vom Freihandel

            <p style="text-align: center;"><strong><span style="font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: 14pt;">Wo Freihandel drauf steht, ist nicht automatisch Freihandel drin.</span></strong></p>

Beschäftigen wir uns in diesem Artikel mit einer Grundsatzfrage: der nach der Sinnhaftigkeit des globalen Freihandels. Die Globalisierung ist schließlich nichts weiter als der Prozess hin zu einem totalen Freihandel. Fragt sich, ob wir alle das Gleiche unter dem Begriff verstehen. Danach können wir untersuchen, wer und warum ihn überhaupt benötigt.


Auf das Thema wurde ich immer wieder gestoßen, vermehrt in jener Zeit, als in den USA ein neuer Präsident gewählt worden war, der sich den Protektionismus auf die Fahnen geschrieben hatte. Damals konnte man des öfteren Beiträge wie diese in der ARD-Tagesschau finden:



Die damalige Wirtschaftsministerin Zypries echauffierte sich zu Trumps Dekreten mit:

„Sie [die Dekrete] zeigen aber, dass die USA offensichtlich abrücken wollen von freiem Handel und geltenden Handelsabkommen.“

Das angeblich freieste Land der Welt wünscht keinen Freihandel mehr, warum? Was ist das eigentlich: freier Handel oder kurz Freihandel?

In welcher Beziehung steht außerdem der Freihandel zu solchen existenziellen Fragen wie den Folgenden:

  • Wie und wodurch ernähren wir uns?
  • Auf wessen Kosten leben wir unseren materiellen Wohlstand aus?
  • Wieso muss unsere Wirtschaft ständig weiter wachsen und was hat das für Auswirkungen auf unsere Umwelt?
  • Warum ist Geld als Äquivalent tatsächlicher Werte von der Geldschöpfung privater Banken abhängig?
  • Warum ist Geld überhaupt der entscheidende Faktor bei der Wahl gesellschaftlicher und individueller Entscheidungen – statt der realen Faktoren, wie Natur, Ressourcen und Menschen?
  • Worauf basieren die sozialen Ungleichheiten in unserem doch so reichen Land?
  • Wie definieren wir Reichtum, an welchen Parametern bemessen wir ihn?
  • Woran machen wir unser eigenes Glück und das Glück anderer Menschen fest?
  • Welche Ursachen hat das Klima der Angst und des gegenseitigen Misstrauens  in unserer Gesellschaft – und nach außen?
  • Aber vor allem: Wie stehen wir als Gesellschaft mit unseren Entscheidungen zur Frage von Krieg und Frieden?

Das alles sind – zumindest für mich – fundamentale Fragen, die aber in den Medien überhaupt nicht präsent sind. Und auch nicht in der Politik, aber auch nicht in der Gesellschaft als Ganzes. Jeder dieser Faktoren wird auf eine bestimmte Weise vom sogenannten Freihandel beeinflusst. Warum ist das so?

Nach dem durch die Meinungshoheit vermittelten Bild ist Freihandel, Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung fundamental für unseren (materiellen) Wohlstand. Was sie dabei völlig ausblendet, ist, dass wir – wenn wir als Gesellschaften auf diese Art und Weise weitermachen – die pure Existenz der Spezies Mensch auf dem Planeten Erde aufs Spiel setzen. 

Statt der realen, existenziellen Probleme werden uns damit Fiktionen vorgesetzt – derer wir uns auch noch annehmen. Doch vom Erkennen, Diskutieren und Angehen der existenziellen Probleme auf unserem Planeten hängen doch die Lösungsansätze ab, die auch unseren Kindern und Kindeskindern noch ein würdevolles Leben auf unserem Planeten ermöglichen können – oder eben auch nicht!

Statt sich mit den hautnahen für jeden fühlbaren Problemen unserer Gesellschaft zu beschäftigen, lassen wir uns bereitwillig in eine Scheinwelt entführen, die uns Probleme auftischt, mit denen wir uns offenbar beschäftigen sollen. Gleichzeitig unterordnen wir uns dem „einfach weiter wie bisher“. Diese Scheinwelt wird durch Parolen geprägt wie: „Wohlstand durch Wachstum“ oder „Wachstum schafft Arbeit“ oder „Globalisierung ist Fortschritt“ oder „freie Marktwirtschaft ist alternativlos“ und so weiter.

Damit geht natürlich der Raubbau an den Ressourcen der Natur geht ungebremst weiter. Wir leben auf Kosten anderer Menschen, beuten sie aus und verklappen dann auch noch den Müll bei ihnen. Eigentlich ein Vollzeitthema für empathische Menschen, aber Dauerthemen sind andere – und wir schnupfen sie auf. Wie kann das sein? Das Gieren um die Ressourcen dieser Erde hat uns in unzählige Kriege geführt.

Während lautstark der Klimawandel beklagt wird und Konzepte zum Abbau von Kohlendioxid diskutiert werden, stirbt der Regenwald – der das CO2 in Unmengen „verzehrt“ – durch uns ungebremst weiter. Er stirbt für den globalen, freien Handel (1), für  Wachstum und Wohlstand und damit auch für ein Leben im Hamsterrad. Denn selbst der mit dem Preis zunehmender Unbewohnbarkeit betriebene Freihandel ist ein nur scheinbarer Wohlstandsfaktor. Er zwingt uns stattdessen in eine Lebensart des immer mehr und immer weiter – beim Geld „verdienen“ und auf der Karriereleiter.

Was speziell den Freihandel mit dem Regenwald und uns verbindet? Wussten Sie schon, dass der Verzehr von Margarinen, Milka-Schokolade und Mars-Riegeln sehr wohl auch etwas mit Kohlendioxid zu tun hat? Der Verzehr! Denn würde es nicht verzehrt, würde es verschmäht, dann würde es auch nicht produziert. Dort wo früher Urwaldriesen standen, werden heute Monokulturen angebaut, deren Produkte über den Freihandel preiswert um den halben Globus nach Europa geschifft werden – zum Beispiel Palmöl:

„Die Europäische Union und Asien sind die Hauptabnehmer für Palmöl. Wir in Europa verwenden Palmöl vor allem in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie sowie für die Herstellung von Bio-Diesel. Palmöl finden wir in Rama, Lätta-Margarine von Unilever, in Nutella, in Kellog’s Smacks, in Milka-Schokolade mit Cremefüllungen, in Bahlsen-Keksen, in der Prinzenrolle, in manchen Haribo-Süßigkeiten, in Schokoriegeln wie Mars, in Maggiprodukten, Knorr- und Erascosuppen, in Milchnahrung von Milupa und Alete, in Dove-Seife von Unilever, in der Penaten Lotion, in der Nivea-Cream und Olaz-Tagescreme, im Labello, in Haarspülungen von L’Olreal, in Shampoos von Wella und in Waschmitteln wie Ariel, Persil, Frosch und Terra Aktiv“ (2) 

Dabei bin ich arg skeptisch, inwieweit der Aspekt Kohlendioxid für uns derzeit akut ist. Allerdings ist es doch ganz erstaunlich, dass Sauerstoff offenbar so gar keine Rolle spielt. Sauerstoff, das in Massen von Pflanzen, vor allem denen des Regenwaldes produziert wird, während es im Gegenzug CO2 bindet, halte ich – für meine Wenigkeit  – bedeutend existenzieller. Die doppelte Menge an CO2 ist sicher nicht atemberaubend, aber nur noch die Hälfte Sauerstoff – wie ist es damit?

Die Empfindung, dass Freihandel das freie Handeln, Verhandeln zum gegenseitigen Vorteil bedeutet und damit gut für die Menschen und die Menschheit ist, verhindert die rationale Erkenntnis, dass Freihandel Machtverhältnisse widerspiegelt und letztlich immer auf einen Vorteil für den Stärkeren zielt.

Freihandel ist zu einem Eigennamen, einer Marke geworden, die aber – wie so oft in der Werbung – eine Täuschung ist. Freihandel hat nichts zu tun mit dem reinen, bedarfsmäßigen und damit allen nützenden Austausch von Waren – selbst wenn es über ein Geldsystem organisiert ist.

In einer zugegebenermaßen ziemlich utopischen Welt dient Geld als Mittel zum Zweck, eben dem fairen Austausch von Gütern. In unserer Welt jedoch dient der Austausch von Gütern der Sicherung und Mehrung von Vermögen – in Geld. Die Verhältnisse sind auf den Kopf gestellt.

Das ist eindeutig mit dem maßlosen Ausbeuten von Ressourcen verbunden, nur um nicht enden sollendes Wirtschaftswachstum zu sichern. Denn ohne dieses gibt es auch keine Mehrung des Kapitals – ein völlig irres, von den Menschen selbst erfundenes und auch noch sklavisch befolgtes System. Große asiatische Nationen wie China und Indien eifern inzwischen dem nach, was die westlichen Staaten bereits seit Jahrhunderten betrieben.

Auch wenn wir uns eine Scheinwelt zimmern, leben wir in einer realen Welt. Und die Wirklichkeit wird uns einholen, ganz sicher. Warum also sind unsere Medien nicht voll von den tatsächlich anzupackenden Aufgaben? Kurzsichtiges, auf den eigenen Vorteil ausgerichtetes Denken hat offenbar nach wie vor die Hoheit über weitsichtige, unbequeme und zum kollektiven Handeln auffordernde Prozesse.

Und in diesem Kontext weist oben zitierter ARD-Beitrag, wenn auch ungewollt und nur mittelbar, auf einen Brennpunkt hin, der im Prinzip so ziemlich alle oben aufgeführten realen Herausforderungen unserer Gesellschaften aufnimmt – eben den Freihandel.

Der Freihandel wird durch die Meinungsführer, deren Apologeten sich weit über Politik und Medien tief in den Bereich von Bildung und Ideologien verzweigen, wie als wissenschaftlich bewiesen und faktisch alternativlos hingestellt. Gemeinhin wird er in einem Zug mit Globalisierung genannt, dass uns wesensgleich als Naturgesetz und damit unvermeidlich und zwingend notwendig für das Funktionieren von Gesellschaften präsentiert wird. Weil über diese Mechanismen nämlich der Aberglaube vom Wirtschaftswachstum, das niemals enden darf, existent gehalten wird.

Was war doch gleich die Behauptung zur Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum? Es schaffe Arbeitsplätze und Wohlstand. Weil wir nur über Wirtschaftswachstum die Kosten für Arbeitsplätze und Wohlstand finanzieren könnten.

Kosten? Welche Kosten? Woran machen wir denn Kosten fest?

Verdeutlichen wir uns im Folgenden die Absurdität unseres Wirtschaftssystems. Und um zu verstehen, wie abgefahren das ist, benötigen wir kein Studium der Ökonomie oder Betriebswirtschaft.

Wir produzieren auf Teufel komm raus, um unsere Kosten zu finanzieren? Was verstehen wir unter Kosten?

Wir produzieren für einen sogenannten Markt nicht vordergründig deshalb, weil wir Bedürfnisse befriedigen wollen, sondern Geld verdienen müssen.

Und jeder nickt. Kaum einer hinterfragt. Es wird hingenommen wie ein unverrückbares, von Gott gegebenes Gesetz. Doch das ist es nicht.


Geld ist das knappe Gut in den Gesellschaften. Ausgerechnet das Einzige, das sich in seiner heutigen Form praktisch  in beliebiger Höhe generieren lässt – da virtuell und als reine Verrechnungseinheit nutzbar – ausgerechnet das ist immer knapp. Alle anderen Ressourcen sind endlich, aber die beuten wir aus, als wären sie in beliebiger Menge verfügbar.


Wir nutzen Geld nicht, um die zur Verfügung stehenden Ressourcen zu verwalten. Stattdessen nutzen wir die endlichen Ressourcen, um das in beliebiger Höhe erschaffbare Geld zu verwalten. Was ist das für eine verdrehte Logik? Wenn wir schon vom Klimawandel reden – besser wäre es, die Zerstörung unserer Umwelt zu thematisieren -, warum diskutieren wir dann nicht auch umgehend unser Finanzsystem, mittels dessen wir den Freihandel und mit ihm das Ruinieren der Natur vorantreiben?

Wir meinen, Geld wäre notwendig um Essen und Trinken zu können. Und sind so weit, dass wir bedauernd mit den Schultern zucken, wenn Menschen verhungern, weil sie nicht wirtschaftlich, nicht effizient genug produzieren konnten. Weil sie nicht wettbewerbsfähig waren. Was für ein Zynismus!

Wollen wir tatsächlich immerfort wettbewerbsfähig sein? Was steckt hinter diesem Anspruch?

Dabei behaupte ich ja nicht, dass diese tief in die Gesellschaften eingebrannte Matrix, welche das Geld – einen Glauben – über die Natur stellt, so einfach abgeschafft werden könnte. Aber die Gesellschaft insgesamt wagt ja nicht einmal, dem Problem überhaupt ins Auge zu blicken. Dass wir damit doch unsere schiere Existenz schon in der nahen Zukunft gefährden, wollen wir einfach nicht wahrhaben.

Geld ist Religion, eine Ideologie. Es ist reiner Glaube, dass Geld wertvoll sei und wenn man es glaubt, handelt man entsprechend. Der Freihandel, den die USA in den vergangenen sieben Jahrzehnten durchsetzten, beruhte auf dem weltweiten Glauben, dass der US-Dollar als Geld das Maß aller Dinge und damit wertvoll sei. Wer es nicht glaubte, wurde durch die überwältigende Stärke der US-Militärs – im Bündnis mit Geheimdiensten, Politik und treuen Medien – davon „überzeugt“.

Kehren wir zurück zum anfangs erwähnten Protektionismus der US-Regierung unter Donald Trump. Natürlich will dieser nicht den Kapitalismus abschaffen und er hinterfragt auch nicht das Mantra vom Wirtschaftswachstum. Doch die Aufwände zur Sicherstellung des Glaubens an den US-Dollar sind ins Unermessliche gestiegen und haben die USA wirtschaftlich zu einem Koloss auf tönernen Füßen gemacht. Das erkennen wir nicht, wenn wir einfach nur auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes schauen, bei dem die USA – Stand 2017 – noch immer die Weltrangliste anführen. Denn im BIP versammeln sich auch alle Dienstleistungen, zum Beispiel auch alle Finanzdienstleistungen.

Die Probleme der USA sind weniger in Zahlen bemessbar, als vielmehr vor Ort in den handfesten Bildern des Landes sichtbar. Man sieht es an der grassierenden Armut, heruntergekommenen Industrien, verödeten Wirtschaftsregionen, am hemmungslosen Raubbau der eigenen Ressourcen. Die USA haben zudem aus Profitgründen über Jahrzehnte hinweg ihre Produktion ausgelagert. Erst waren es die Tigerstaaten Südostasiens, welche die Rolle der verlängerten Werkbank übernahmen, dann wurde diese von China übernommen.

Mit dieser Produktionsverlagerung, verlagerte sich allerdings auch zunehmend der Schwerpunkt an Technologie und Wissen in andere Weltregionen. Der Freihandel, so wie ihn die USA betrieben, mehr noch kompromisslos durchsetzten, war gut für die Geschäftsbücher der Konzerne, aber er war auf Dauer nicht gut für das Land und seine Menschen. Die USA kauften sich für ihre US-Dollars ein, was sie brauchten. Sie konsumierten auf Kosten anderer, doch verarmten sie dabei auch selbst! Der Preis für die Profitgier des Militärisch-Industriellen Komplexes der USA ist ein geistige, intellektuelle und soziale Verarmung im Land.

In vielen Bereichen sind die USA heutzutage nicht mehr konkurrenzfähig. Bislang kompensierten sie das mit ihrer politischen und militärischen Macht, die ihren Mitbewerbern gleich noch die Ideologie der „einzigartigen Nation“ aufzwang. Doch die militärische Überlegenheit, der Garant für das Funktionieren des Petro-Dollars, sie schwindet. In Jahres-Budgets von 700 Milliarden Dollar für das Pentagon und militärischen Schattenhaushalten von weiteren 300 Milliarden steckt auch Ineffizienz und maßlose Preistreiberei der Finanzindustrie sowie der mit den Rüstungskonzernen liierten Wirtschaft.

Spätestens dann, wenn die pure wie brutale Macht der „einzigen Weltmacht“ nicht mehr anerkannt, gar ignoriert oder ihrerseits mit Macht begegnet wird, dann wird es zusammenbrechen, das in allen Fugen ächzende Gebäude des globalen Freihandels. Zumindest des Freihandels, der unter der Herrschaft des Petrodollars betrieben wurde und zu Gottes eigenem System postuliert worden war. Zumindest was das betrifft, ist Trump Realist und strebt eine Rückholung von produzierenden Gewerken in die USA an.

Das wird uns allerdings nicht von der Verantwortung befreien, auch unsere große wie die unzähligen kleinen Rollen zu prüfen und zu ändern, da sie ja bisher die unverzichtbaren Antreiber eines Raubtierkapitalismus waren, der unseren Planeten für Menschen bald unbewohnbar machen könnte.

Was das ins Handeln kommen betrifft, fand ich im Internet einen schönen Vorschlag:

Global denken und lokal – in Verantwortung – handeln (3).

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(1) Christoph von Eichhorn; 27.4.2019; https://www.sueddeutsche.de/wissen/abholzung-freihandel-vor-regenwald-1.4421627

(2) 4.8.2010; http://www.gnomad.de/weltreise/der-regenwald-auf-borneo-stirbt/

(3) http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/; abgerufen: 26.4.2019

(Titelbild) Piranhas, Raubfische, Gier, Albtraum; Autor: Kaffee (Pixabay); 10.6.2013; https://pixabay.com/de/illustrations/piranhas-albtraum-fischschwarm-123287/; Lizenz: Pixabay License

 

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