Über einen Brief und das Brücken bauen.


Der für die ARD tätige Nahost-Korrespondent Jürgen Stryjak hat auf meine harte Kritik an seiner Art und Weise der Berichterstattung zu den Ereignissen in Syrien in bemerkenswerter Form geantwortet.


Jeder, der diesen Blog etwas länger kennt, weiß, um was es mir hier vor allem geht: um das Ersetzen des Destruktiven durch Konstruktives, um gelebten Frieden statt einem von ewigen Kampf – gleichbedeutend mit Krieg – bestimmten Denken und Handeln. Ebenso oft betone ich, dass es ohne den kleinen Frieden, einen wirklichen großen Frieden nicht geben kann. Der kleine Frieden ist aber auch noch der griffigste und am ehesten umsetzbare Ansatz, weil er in hohem Maße durch uns selbst bestimmbar ist.

Damit so etwas gelingen kann, ist jeder Mensch gefordert. Wir benötigen Brücken, über die wir aufeinander zu gehen können. Denn es gibt viel zu Wenige – statt dessen Unmengen von Gräben. Diese Gräben werden eher vertieft, als das sie überbrückt oder zugeschüttet werden. Mit mehr oder weniger Erfolg, der sich nicht zuletzt auch in meinen ganz eigenen, ja selbstverständlichen wie notwendigen Grenzen spiegelt, versuche ich hier Brücken zu bauen, ohne dabei in irgendeiner Weise meine Authentizität aufzugeben und außerdem ein hohes Maß an Autonomie im Denken und Handeln zu bewahren.

Die Würdigung und Anerkennung anderer Menschen – gerade auch anders in ihren Überzeugungen – ist unabdingbar, wenn Kritik ehrlich gemeint sein will. Fehlt diese Achtung, dann schrumpft Kritik in den Frustabbau, in die Dissonanz ob der eigenen beschränkten Möglichkeiten. Dabei übersehend, dass es mannigfaltig Möglichkeiten gibt, die auch heute und sofort durch Jeden von uns umsetzbar sind.

Zur Sache: Der Brief den ich an Juergen Stryjak schrieb, hatte es in sich. Er barg neben meiner Kritik an seinem Bericht aus Syrien eine gehörige Portion Sarkasmus. Sie können den entsprechenden Artikel hier nachlesen:


Da es – nicht zuletzt bei der Syrien-Berichterstattung – im wahrsten Sinne des Wortes um Krieg und Frieden geht, stehe ich zu dieser Art von Kritik und werde sie grundsätzlich so weiter führen. Denn, dass Deutschland an diesem Krieg gegen Syrien aktiv beteiligt ist und es sich dort eben nicht um einen Bürgerkrieg handelt, kann nicht oft und deutlich genug wiederholt werden.


Diese Sicht hat Juergen Stryjak nicht, das ist mir klar. Aber dass er eine so andere Sicht hat, kann doch nicht zwingend schlussfolgern, dass sie auf charakterlichen Defiziten beruht. Gerade weil seine Sicht so anders ist als die meine, finde ich die Art und Weise seiner Reaktion bemerkenswert.

Der aufmerksame Leser darf feststellen, dass Herr Stryjak sich Zeit genommen hat und ehrlich bemüht ist, meine Gedanken zu verstehen und sie mit den seinigen abzugleichen. Seine Sicht mir zu vermitteln, war ihm wichtig. Der Sendezeitpunkt der E-Mail ist dafür ein weiterer Fingerzeig.

So etwas gilt es – so meine ich – zu würdigen. Denn es ist das unverzichtbare Fundament für einen konstruktiven Neuanfang in dieser Gesellschaft, kurz gesagt Achtung und Respekt. Im Folgenden seine Antwort auf meinen offenen Brief:


Juergen Stryjak – Correspondent – ARD German Radio │ Cairo/Egypt

E-Mail vom 28.5.2019, 1:32 Uhr

Sehr geehrter Herr Frey,

vielen Dank für Ihre Mail, die ich mit Interesse gelesen habe. Ich möchte kurz auf die Aspekte eingehen, die meinen Hörfunkbeitrag vom 3. Mai betreffen, dessen Manuskripttext Sie auf  Tagesschau.de  gelesen haben.

Zum Begriff »Rebellen« gibt es unterschiedliche Auffassungen. Ich kenne sehr viele Leute, unter anderem auch Kolleginnen und Kollegen, die nicht finden, dass dieser Begriff positiv besetzt ist.

Ich hingegen empfinde den Begriff »Rebellen« als eher positiv. Deshalb verwende ich ihn in meiner Syrien-Berichterstattung seit vielen Jahren nicht mehr. Bei den bewaffneten Assad-Gegnern handelt es sich sehr häufig um extremistische und/oder dschihadistische Gruppierungen und Milizen, die ich unter keinen Umständen mit einem Wort benennen möchte, das ich persönlich als eher positiv empfinde. Aus diesem Grunde verwende ich in meinen Syrien-Berichten seit Jahren den Begriff »Rebellen« ausnahmslos nicht mehr.

Bei meinen Beitrag auf  Tagesschau.de  wurde das Wort ein einziges Mal in der Überschrift benutzt — und zwar in der Verknüpfung „Rebellenhochburg“. Allerdings werden die Überschrift sowie der Vorspann von der Redaktion von Tagesschau.de  in Hamburg formuliert.

In meinem eigentlichen Beitrag (also im Text, der von mir stammt, ohne Titel und Vorspann) habe ich im Gegenteil sogar deutlich gemacht, dass es sich bei den terroristischen Gruppen, die die syrische und russische Luftwaffe ihren eigenen Äußerungen zufolge angreifen wollte, um (Zitat aus meinem Beitrag) »extremistische Milizen« handelte. Diese Formulierung habe ich gewählt, weil sie m. E. alles an menschenfeindlicher Brutalität beinhaltet, das diese Gruppierungen auszeichnet.

Diese Gruppen werden in unserer Hörfunk-Berichterstattung (und also auch in meiner) kontinuierlich detailliert beschrieben. Das beinhaltet zum Beispiel regelmäßig auch die Information, dass es sich etwa bei der Hai’it Tahrir ash-Sham zu großen Teilen um die Ex-Nusra-Front und damit um Terroristen handelt, die Al-Qaida nahestehen. Ebenso habe ich in etlichen meiner Beiträge immer wieder brutale Angriffe dieser Extremisten sowie ihre Verbrechen (auch gegenüber Zivilisten) dokumentiert.

An einer Stelle in dem von Ihnen kritisierten Beitrag schrieb ich: »In den syrischen Staatsmedien heißt es, dass die Luftangriffe gegen „terroristische Gruppen“ gerichtet seien.« Hier habe ich, wie die Anführungsstriche deutlich machen, die syrischen Staatsmedien zitiert und damit also dokumentiert, mit welcher Begründung die Gebiete in den Provinzen Idlib und Hama bombardiert wurden. Weil man Anführungszeichen nicht hören kann, sage ich in der Audiofassung meines Beitrages: »…, dass die Luftangriffe gegen, so wörtlich, „terroristische Gruppen“ gerichtet seien.« Ich habe also lediglich zitiert und nicht bewertet.

Was die Formulierung »abschlachten« betrifft, da zitiere ich im O-Ton einen Mann, einen syrischen Betroffenen, der mit seiner Familie vor den Fassbombenangriffen geflohen ist. Die Aussage des Mannes ist in der Audiofassung meines Beitrages zu hören. Über die massiven Angriffe mit Fassbomben auf Gebiete in den Provinzen Idlib und Hama berichteten zu jenem Zeitpunkt bereits sehr viele verschiedene Quellen, unter anderem die Vereinten Nationen. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte einen Tag vor der Veröffentlichung meines Beitrags den regionalen UN-Nothilfekoordinator Panis Moumtzis:

»Schools, health facilities and residential areas have been hit by the worst barrel bombing campaign in rebel-held northwestern Syria in 15 months, the United Nations regional humanitarian coordinator Panos Moumtzis told Reuters on Thursday.«

(Rohübersetzung: »Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Wohngebiete wurden in Gebieten im Nordwesten Syriens, die von Rebellen gehalten werden, von den schlimmsten Fassbombenangriffen seit 15 Monaten getroffen, berichtete der regionale UN-Nothilfekoordinator Panos Moumtzis gegenüber Reuters am Donnerstag.«)

Ich erwähne also die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte nur stellvertretend als eine von mehreren Quellen für Berichte über die Fassbombenangriffe. Wenn ich Informationen der Beobachtungsstelle habe, die nicht in anderen Quellen bestätigt werden, verwende ich sie nicht. Es genügt mir grundsätzlich nicht, wenn die Beobachtungsstelle die einzige Quelle für Informationen ist, denn ich kann ihre Angaben zumeist nicht überprüfen.

Zur Beobachtungsstelle möchte ich Ihnen eine Einschätzung meines Kollegen Volker Schwenk empfehlen, die ich rundum teile. Sie finden sie hier:

https://www.tagesschau.de/ausland/syrische-beobachtungsstelle-101~_origin-d33bb85d-c2f1-4000-9325-9e110b4eddc4.html

Ich habe also in meinem Beitrag über die massiven Angriffe berichtet. Ich habe die Begründung der syrischen Regierung für die Angriffe zitiert, ließ aber auch Betroffene zu Wort kommen, im O-Ton, mit deren Formulierungen. Denn natürlich darf ich nicht ausklammern, welche Auswirkungen diese Angriffe auf die Zivilbevölkerung haben. Ob die Angriffe nun notwendig und unvermeidlich oder ob sie nur unmenschlich und unnötig waren, das bewerte ich in meinem Bericht nicht.

Die verwendeten Zahlen entstammen Informationen, die die Vereinten Nationen veröffentlichten, unter anderem die Zahl der Menschen, die in dem Gebiet leben, wie auch jene der Flüchtlinge. Dass viele von ihnen vor der Assad-Herrschaft dorthin flüchteten, das ist mannigfaltig dokumentiert. Es gibt aber auch Leute, die zum Beispiel vor dem IS dorthin flüchteten, deshalb verwende ich die Formulierung »unter anderem«.

Mein Hörfunkbeitrag, dessen Textfassung Sie kritisieren, war exakt 162 Sekunden lang. Das ist eine klassische Länge für tagesaktuelle Hörfunkberichte. Ich halte es für unvermeidbar, dass es Hörerinnen und Hörer gibt, die finden, dass dieser oder jener Aspekt gefehlt hat. Mir als Hörer geht das bei Berichten meiner Kolleginnen und Kollegen aus anderen Studios ebenso. Es ist in einem Beitrag von 162 Sekunden praktisch nicht zu verhindern, dass relevante Aspekte fehlen (die dann aber in anderen Beiträgen enthalten sind).

Da ich in meinem Beitrag die verschiedenen Aspekte sachlich dokumentiert habe (Begründung der syrischen Regierung für die Angriffe, Auswirkung der Angriffe auf Zivilbevölkerung, Zahlen der Vereinten Nationen etc. etc.), würde ich den Beitrag im selben aktuellen Zusammenhang genau so wieder schreiben.

Herzliche Grüße

Ihr Jürgen Stryjak


Soweit, liebe Leser, die Antwort Jürgen Stryjaks. Ihre eventuell aufkommende Erwartung einer nun folgenden Replik meinerseits wird jedoch nicht erfüllt. Nicht an dieser Stelle – sie folgt in einigen Tagen. Doch ist hier das Angebot an Sie, die Zeit zu überbrücken, in dem Sie sich mit der Sicht des ARD-Korrespondenten befassen können – sehr gern auch in Form von Kommentaren. Es gilt natürlich auch weiterhin die achtungsvolle Kultur des Austauschs von Meinungen, die Sie, liebe Leser, hier auf dem Blog in so vorbildlicher Art und Weise pflegen.

Und bitte bleiben Sie alle schön aufmerksam.


(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(Titelbild) Datum: 15.4.2013; Autor: jonschwarz (Pixabay); Quelle: https://pixabay.com/de/mikrofon-mic-musikstudio-aufnahme-354070/; Lizenz: CC0 Creative Commons

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5 Kommentare

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  1. Für mich ganz klar ein zweiter „Julian-Assange-Fall“.

    Ein deutscher Henri-Nannen-Schulabsolvent deckt knallhart die Kriegsverbrechen des „Schlächters von Damaskus“ und seines russischen Mentors auf.

    Nachdem ein gewisser Ped ihm die Vergewaltigung der deutschen Sprache vorgeworfen hatte, ist er (wahrscheinlich) in die kubanische Botschaft von Kairo geflüchtet, um sich dem Zugriff der Deutschen Behörden zu entziehen.
    In einer letzten E-Mail (jederzeit könnte der Internet-Zugang gesperrt werden), der Zeitpunkt unterstützt diese These, wendet er sich an den Ankläger und schließt mit den Worten:

    „..würde ich den Beitrag im selben aktuellen Zusammenhang genau so wieder schreiben.“

    Ein unbeugsamer Aufklärer, Free Jürgen!!!

  2. Ich habe Herrn Stryjak vor Jahren als Autor in „Das Magazin“ (dasmagazin.de) bemerkt und gute Erinnerungen von seinen Beiträgen behalten. Umso erschrockener war ich als ich diesen Journalist hier der fundierten Kritik von Ped ausgesetzt sah. Die Erwiderung von Herrn Stryjak bestärkt mich in der Hoffnung, das er doch ein anständiger Mensch ist. Ich hoffe auf eine Fortsetzung ihres Gedankenaustausches.
    Viel Glück

  3. Haben Sie den Journalisten auch gefragt wie weit er von seinen Quellen zum Zeitpunkt des Ereignisses* entfernt war?

    * Neutral formuliert da es m.E. eine Standardfrage zur Einschätzung der Qualität der Berichterstattung sein sollte

    1. Sorry, leider falsch formuliert, eine bessere wenn auch unscharfe Version.

      Haben Sie den Journalisten auch gefragt wie weit er von den Primärquellen zum fraglichen Zeitpunkt entfernt war.

  4. Ich freue mich, dem Beginn eines ernsthaften Dialogs über einen tiefen Graben hinweg beiwohnen zu dürfen. Ich hoffe, dass am Ende ein besseres gegenseitiges Verständnis steht und vielleicht sogar eine Annäherung der Standpunkte, wobei letzteres gar nicht sein muss.

    Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass ich Herrn Jürgen Stryjak für eine »ehrliche Haut« halte, alleine schon, weil er sonst wohl kaum das Wagnis einer Antwort eingegangen wäre. Viel zu gewinnen hat er im Sinne seiner weiteren Karriere als Korrespondent bei der ARD durch diesen Dialog sicher nicht.

    Aus der Rückmeldung von Herrn Stryjak habe ich gelernt, wie die näheren Umstände in der Tagesschauredaktion sind und wie sich diese auf das fertige journalistische Produkt auswirken können. Ferner habe ich gelernt, dass das Setzen von Anführungszeichen zwei ganz verschiedene Gründe haben kann und der Leser Gefahr läuft, seinen Argwohn gegenüber dem Redakteur auf dessen Artikel zu projizieren und seinen Argwohn dadurch sogar nochmal bestätigt finden kann. Für mich ist dies ein Paradebeispiel dafür, dass man wunderbar aneinander vorbei schreiben und sich dabei auch noch gegenseitig in eine Eskalation treiben kann. Wie viel sicherer gelingt Kommunikation, wenn man sich gegenüber sitzt, miteinander spricht statt schreibt und dabei auch noch interaktiv Rückfragen stellen kann!

    Herr Stryjak hat in seiner ersten Replik allerdings viele von Ped gut herausgearbeitete Vorwürfe unkommentiert gelassen. Hier hoffe ich im Verlauf des weiteren Dialogs auf mehr Erkenntnisse, wie sich das alles aus der Sicht von Herrn Stryjak darstellt.

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