Der Syrien-Krieg seit 2015 (1)

Eine Zusammenfassung aus russischer Sicht.


Die auf der Krim ansässige Nachrichten-Plattform Southfront hat Anfang August 2018 die syrischen Ereignisse seit dem Eingreifen Russlands in den Syrien-Konflikt in einer lesenswerten Dokumentation zusammengefasst, dessen Inhalt hier in einer deutschen Übersetzung angeboten wird (a1). 


Vorwort Peds Ansichten

Warum eine Übersetzung zu einem sehr speziellen, recht trockenen und dazu noch so umfangreich gefassten Dokument über die Aktivitäten Russlands in Syrien?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Dieser in drei Folgen gesplittete Artikel ist zum Einen ein hervorragendes Kompendium, ein Nachschlagewerk um auch später stattfindende Ereignisse in einen schlüssigen Zusammenhang bringen zu können. Die schlichten, nachprüfbaren Fakten sind dabei eine hervorragende Argumentationshilfe, wenn man mal wieder mit dem Bild vom „bösen Russen“ konfrontiert wird.

Er dient außerdem dazu, die Motive und Handlungen der russischen Seite zu verstehen. Man muss die nicht teilen, es geht tatsächlich um das Verstehen, damit die in unsere Köpfe gebrannte Dämonisierung wieder verschwinden kann. Ohne Verstehen ist alles Nichts. Ohne Verstehen geht es geradewegs in den nächsten Krieg.

Der Krieg in Syrien hat einen ganz großen Kontext und ist damit als Thema keineswegs zu speziell. Hilft er doch beim Verständnis geopolitischer Ereignisse, auch beim Verstehen der deutschen Politik und er gibt uns die Möglichkeit, universelle Prinzipien aufzudecken. Eines davon besteht darin, Gesellschaften, die sich Macht nicht unterwerfen, ethisch-moralisch durch den Dreck zu ziehen und gleichzeitig von Hilfe und Helfen zu sprechen, dabei aber in Wirklichkeit zu investieren, um den Machtanspruch doch noch durchzusetzen. Die Investition allerdings ist eben keine Hilfe und sie ist schmutzig.

So sind zum Beispiel die Zuwendungen Deutschlands in die syrische Provinz Idlib alles Mögliche, nur keine Unterstützung einer wie auch immer gearteten Zivilgesellschaft. Gerade dort, in Idlib, wird im Spätsommer 2018 – mit dem Wissen der deutschen Regierung – Recht und Ordnung, ja die grundlegendsten Menschenrechte mit Füßen getreten.

Jeder kann selbst herausfinden, von wo aus der Terrorismus gefüttert wird und wie banal die Teilnehmer in seine Falle geführt werden und sich die Menschen über sein wahres Wesen belügen lassen. Das geschieht bis heute, weltweit, und die großen edlen Lenker der Demokratien befeuern und steuern das, um ihre erkannten Gegner zu schwächen. Zu diesen Gegnern gehört ohne Zweifel Russland.

Schließlich löst sich hier auch die Aberwitzigkeit des Narrativs zu Syrien auf, mit dem die Bevölkerung in den westlichen Demokratien seit sieben Jahren gefüttert wird. Die Art und Weise der Aufwände, die Russland bis heute im Falle Syrien betreibt, zeigen kristallklar, was das in der Levante nicht ist. „Der Krieg Assads gegen sein eigenes Volk“ ist äonenweit von der Realität entfernt. Für so etwas müsste man keine modernsten Waffensysteme einsetzen, ganze Armeen neu schulen und beraten sowie eigene Opfer riskieren.

Der Krieg in Syrien sieht auch im Jahr 2018 einen modern bewaffneten Gegner, mit Söldnern aus aller Herren Länder, mit hervorragender Logistik, Zugang zu Geheimdienstinformationen des Westens, unaufhörlichem Nachschub an Waffen und Munition, massiver Propagandahilfe und fanatischen Milizen, die in ihrer extremen Ideologie weder den Gegner, noch die Zivilbevölkerung noch sich selbst in irgendeiner Weise schonen.

Syrien ist wahrscheinlich bis heute für 150.000 Militante aus über 80 Staaten der Erde auch zur letzten Ruhestätte geworden. Aber auch mindestens 70.000 syrische Soldaten und deren verbündete Milizen sind zu Tode gekommen. Mehr als 220.000 tote Kämpfer auf beiden Seiten eines brutalen Krieges dokumentieren auch den Blödsinn eines uns eingetrichterten „Fassbomben und Chemiewaffen einsetzenden Regimes“. Die nüchterne, unaufgeregte Sprache dieser Dokumentation kann helfen, der Wahrheit in Syrien näher zu kommen.

Noch eine Bitte: Wer diesen Text weiterverbreiten möchte, beachte bitte die primären Rechte von Southfront auf den Artikel. Weiteres dazu am Ende des Textes unter Anmerkungen.


Die russische Militärkampagne in Syrien 2015 – 2018 (Teil 1)

11.8.2018; Originalquelle: https://southfront.org/russian-military-campaign-in-syria-2015-2018/


Einführung

Seit 2015 hat Moskau mit seiner Luftwaffe, Militärberatern und auf der diplomatischen Ebene koordinierte Anstrengungen unternommen, um die diversen terroristischen Gruppen zurückzudrängen, die legitime syrische Regierung zu stärken und einen friedlichen, landesweiten Dialog zu unterstützen, welcher den Rahmen für eine diplomatische Beilegung auf internationaler und regionaler Ebene bilden soll.

Russlands Fähigkeiten, Syrien militärische Unterstützung und außerdem der lokalen Bevölkerung humanitäre Hilfe zu leisten, haben gleichermaßen eine wichtige Rolle bei der Etablierung Russlands als einflussreichem und angesehenen Faktor in Syrien, auch in seiner Rolle als Vermittler zwischen den verschiedenen Interessengruppen gespielt. Keine der sonst in den Konflikt involvierten ausländischen Mächte war, in ihrer Art kompromisslos ausschließlich die eigenen Interessen durch die in Syrien agierenden Proxies als legitim zu betrachten, in der Lage, diese Rolle auszufüllen.

Diese Situation schränkte die Aktionsmöglichkeiten Moskaus auf verschiedenen Ebenen ein, denn es musste zwischen seiner offiziellen Position zur politischen Beilegung des Konflikts und eigenen nationalen Sicherheitsinteressen und den daraus resultierenden politischen Zielen abwägen.


Der Beginn

Um grundsätzlich Russlands Aktivitäten in Syrien und dem Mittleren Osten zu verstehen, muss ein Blick zurück geworfen werden, auf den Zeitpunkt, als Russland in Syrien intervenierte. Damals führte der in Syrien aktive Zweig von al-Qaida – Jabhat al-Nusra [heute bekannt als Hayat Tahrir al-Sham oder HTS] – und andere radikale, militante Gruppen, in den westlichen Massenmedien oft als „moderate Opposition“ tituliert, wie auch ISIS, an mehreren Frontlinien eine zunehmend erfolgreiche Offensive gegen die syrische Regierung.

Jabhat al-Nusra und seine Verbündeten standen an den Toren von Damaskus, dabei große Teile im Norden, Westen und Süden Syriens beherrschend, wie auch verschiedene Gebiete innerhalb der von der Regierung kontrollierten Territorien. Dazu gehörte außerdem die Hälfte des Stadtgebietes von Aleppo, welche oft als zweite Hauptstadt Syriens bezeichnet wird.

Zur gleichen Zeit breitete sich das von ISIS proklamierte Kalifat rapide über die östlichen und nördlichen Landesteile aus. Die terroristischen Gruppen kontrollierten einen erheblichen Teil der syrischen Öl-Ressourcen, die strategisch wichtigen Städte Deir Ez-Zor (zu großen Teilen) und Raqqa (vollständig) sowie einen Teil der syrisch-türkischen Grenze.

Die USA, Israel, die Türkei, Saudi-Arabien, Katar und weitere Staaten der „Freunde Syriens“ versorgten und unterstützten direkt oder indirekt Jabhat al-Nusra und dessen Verbündete, mit dem Ziel des Sturzes der Assad-Regierung. Die US-geführte Koalition gegen ISIS erreichte kaum Erfolge bei ihrer [angeblichen] Bekämpfung der Terroristen und derer Infrastruktur. Das sogenannte Kalifat hatte sein Territorium unübersehbar ausgeweitet, nachdem die [sogenannte] Koalition [gegen den Terror des Islamischen Staates] am 13. Juni 2014 offiziell ins Leben gerufen worden war. Ungehindert betrieb ISIS sein [illegales] Ölgeschäft und das syrische Öl wurde auf dem internationalen Markt verkauft.

Mainstream und Denkfabriken posaunten öffentlich den Sturz der Regierung in Damaskus am Jahresende 2015 heraus, mit dem maximalen Überleben eines Restsyriens an der Mittelmeerküste. Das gleiche westliche Establishment verbreitete Nachrichten, die – nach der Zersplitterung Syriens – vor der Etablierung eines iranisch-hörigen Pseudo-Staates warnten. Der Iran hatte enorme Bemühungen an Ressourcen und Personal in den Konflikt investiert, insbesondere in die Hisbollah, die im Konflikt an der Seite von Damaskus stand. Ungeachtet dessen, waren diese Bemühungen nicht erfolgreich, um die Machtbalance in Richtung der Assad-Regierung zu verschieben.

All die Voraussagen [des Zerfalls Syriens] zerstoben am 30. September 2015, als Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber der russischen Luftstreitkräfte Militante im ganzen Land zu bombardieren begannen und somit die Ausrichtung des Konflikts unwiderruflich veränderten. Einheiten russischer Spezialkräfte trafen ein, um direkte Luftschläge, Aufklärungsmissionen und ein ganzes Bündel von Missionen hinter den feindlichen Linien durchzuführen. Russische Militärberater übernahmen die Planung und Ausführung von Offensiv-Operationen und stießen einen langen und komplizierten Prozess zur Transformation der Syrischen Arabischen Armee (SAA) und der regierungsnahen Milizen an, um diese schließlich zu befähigen, die Terroristen zurückzudrängen und in dessen Ergebnis das Land zu befreien.

Zusätzlich begannen die Russen den Ausbau und die Befestigung der Khmeimim-Luftwaffenbasis und des Marinehafens Tartus. Es folgten russische Militärpolizei und Pioniere, wie auch die Marine eine wachsende Rolle spielte. Während des Konflikts nahm Russland private Militärdienstleister unter Vertrag und ließ durch deren Söldner die Energieinfrastruktur in den befreiten Gebieten sichern, so wie diese auch als Angriffstruppen in wichtigen Schlachten dienten.

Die Regionalmacht (Russland) mit ihrer Wirtschaft „in Auflösung“ (Zitat Barak Obama) erwies sich fähig, als Schutzmacht zu agieren, Unterstützung und hochprofessionelle militärische Beratung zu geben und groß angelegte Antiterror-Missionen in einer Schlüsselregion durchzuführen, dies bei einer Entfernung von 1.482 Seemeilen vom versorgenden Flottenstützpunkt Sewastopol auf der Krim im Schwarzen Meer zum Marinehafen in Tartus, in Syrien.

Eine der Hauptgründe hinter der Entscheidung Russlands für die syrische Operation war die verständliche Besorgnis über die wachsende Bedrohung von Russlands Sicherheit durch terroristische Gruppen nahe der südlichen, russischen Grenzen und die Gefahr, dass bestimmte Mächte diese terroristischen Gruppen in einem großen, geopolitischen Kontext zur Schwächung Russlands nutzen können. Das hatte Russland seit 1994 bereits in Tschetschenien, Dagestan und Ingoschetien erfahren müssen. Nach dem man die Konflikte dort seit 2009 unter Kontrolle brachte, führten die russischen Sicherheitskräfte ihre Bemühungen gegen die islamistische Bedrohung in dieser Region fort.

Das syrisch-irakische Schlachtfeld ist knapp 450 Kilometer von der Grenze zur früheren UdSSR entfernt. Russland ist seit Jahrzehnten ein Ziel terroristischer Anschläge durch islamistische Terroristen. In Anbetracht des wachsenden Einflusses von ISIS seit 2014, hätten einige Akteure im Westen wohl gern eine Ausweitung dieser Gruppe oder anderer de facto terroristischer Strukturen in Russlands südlichem Kaukasus oder an seinen Grenzen in Zentralasien gesehen.

Das bildete den Hauptgrund für Moskau, mit den Regierungen des Irans, Iraks und Syriens und eben den Führern der Hisbollah zu kooperieren, die allesamt über den wachsenden, hochorganisierten und ideologisch motivierten sunnitischen Terrorismus in der Region besorgt waren. Diese Faktoren führten zur Allianz dieser Kräfte und der Bildung eines Hauptquartiers in Bagdad für eine gemeinsame Informationen teilende Zusammenarbeit und Anti-Terrorismus-Koordination besagter Nationen. Die Allianz wurde offiziell gegründet und das Bagdader-Hauptquartier unmittelbar nach dem Beginn der russischen Militäroperation in Syrien eröffnet.


Ziele, Kräfte und Möglichkeiten

Die russische Operation beinhaltete die folgenden Ziele:

Militärisch

Vernichtung von ISIS und anderen radikalen, militanten Gruppen wie Jabhat al-Nusra: Zu Eliminieren waren erfahrene Mitglieder jener terroristischen Gruppen, welche aus dem Süd-Kaukasus und den zentralasiatischen Republiken nach Syrien gereist waren. Es war sicher, dass diese Elemente, einmal nach Hause zurückgekehrt, versuchen würden, Russlands nationale Sicherheit anzugreifen.

Zur Verhinderung eines Szenarios, wie es sich in Libyen entwickelt hatte, mussten die aufgebauten terroristischen Infrastrukturen zerstört werden, welche es terroristischen Gruppen erlauben würden, das Land als rückwärtige Basis für weltweite Terror-Attacken zu missbrauchen.

Stärkung der Assad-Regierung und ihrer Streitkräfte: Diese würde nicht nur in einer erneuten Belieferung von Waffen und Munition, sondern auch in einer grundlegenden Umschulung zur Anwendung moderner taktischer Kriegführung bestehen, beginnend in den unteren Einheiten, bis hin zur Ausbildung von Fähigkeiten komplexer Operationen, in denen verschiedene große Formationen koordiniert das volle Spektrum kombinierter Anwendung von Waffen und Kampftechniken nutzen.

Politisch

Zur Verteidigung und Stärkung der russischen Interessen im Mittleren Osten und dem östlichen Mittelmeer: Beistand der syrischen Zentralregierung in ihrem Kampf um den Machterhalt und Schaffung von Rahmenbedingungen, welche dieser die Wiederherstellung der Souveränität sowie von Recht und Ordnung im Land ermöglichen würden. Bedingungen vor Ort waren zu schaffen, die es weniger radikalen Anhängern der Opposition erlauben würden, am politischen Prozess teilzunehmen.

Ökonomisch

Wahrung der Interessen russischer Unternehmen in der Region: Um die ökonomischen Interessen des russischen Staates zu schützen, musste eine direkte und indirekte Kontrolle, insbesondere über die Transitsysteme (Leitungen) von Energieträgern in der Region eingerichtet werden.

Darüber hinaus war die militärische Infrastruktur an den Standorten in Tartus und der Khmeimim Luftwaffenbasis auszubauen und die Sicherheit der entsandten Kräfte zu gewährleisten. Russische Kampfhubschrauber nutzten zusätzlich die Luftwaffenbasen in Shayrat, Homs, Tiyas und Damaskus als Stützpunkte.

Als vorteilhafte Konsequenz der direkten Teilnahme an einem bewaffneten Konflikt, erhielt die Russische Förderation die Möglichkeit, ihre modernsten Waffensysteme unter realen Bedingungen zu testen und dem bedienenden Personal Kampferfahrung zu geben. Gerade, weil Russland eine relativ kleine kombinierte Einsatzgruppe zur Erreichung der obigen Ziele aufstellte, erhielten die eingesetzten Kräfte mit Umsetzung der Operation, Erfahrungen auf dem modernen Gefechtsfeld und würden eine zukünftige Kerntruppe von unbezahlbarer Erfahrung und Führungsstärke bilden.


Fliegerkräfte

Mit Beginn der Operation bestanden die russischen Fliegerkräfte aus 50 Flugzeugen, unter anderem Kampfbomber vom Typ Su-24M, Su-25SM und Su-34, Jagdflugzeuge Su-30SM sowie Kampfhubschrauber Mi-24 und Mi-8 Transporthubschrauber. Diese Gruppe wurde mehrmals und abhängig von der Situation vor Ort wie den ergebenden Aufgaben durch die russische Führung verstärkt. In verschiedenen Phasen des Konflikts beinhaltete das den Einsatz von Jagdflugzeugen des Typs Su-35S und Su-27SM, des Kampfflugzeuges MiG-29SMT und von Kampfhubschraubern Ka-52 und Mi-28N.

Dazu kamen strategische Bomber Tu-95MS und Tu-22M3, die von Flugfeldern in Russland zu ihren Syrien-Einsätzen starteten. Im Februar 2018 testete man zudem zwei Su-57 Kampf-Jets der fünften Generation. Laut russischem Verteidigungsministerium wurde außerdem eine Su-57 genutzt, um mit fortgeschrittenen lenkbaren Marschflugkörpern Ziele der Militanten anzugreifen. Vor kurzem wurde die Zustimmung zur Erstserienproduktion von 12 dieser fortgeschrittenen Kampfflugzeuge erteilt.

Auf der Khmeimim Luftwaffenbasis wurde auch eine grundlegend modernisierter Su-25SM3 Kampfbomber von Spottern ausgemacht, der mit dem Witebsk-25 EW Triebwerk, Avionik und einem Lenksystem mit aktiven Jamming-Fähigkeiten (Störung von Funksignalen feindlicher Systeme, wie Flugzeuge und Raketen) ausgerüstet ist.

Ein Frühwarn- und Gefechtsführungsflugzeug A-50 [vergleichbar mit AWACS-Flugzeugen], eine Iljuschin-20M1 Electronic, ein Radar-Erkennungsflugzeug und eine Tu-214R zur Erkundung, Überwachung und Aufklärung kontrollierten den syrischen Luftraum, klärten über Truppen und Versorgungsbwegungen am Boden auf, lokalisierten militante Kommandeure, Hauptquartiere, Waffendepots und andere Schlüssel-Infrastruktur durch Erkennung der elektronischen Signatur derer Kommunikationssysteme.

Auf der taktischen Ebene arbeiteten russische Spezialisten unter Nutzung von etwa 100 unbemannten Fluggeräten (UAVs) vom Typ Orlan 10, Forpost, Orion, Dozor-100, Eleron-3 und der Pchela-1T um Aufklärung während der Kampfeinsätze und Monitoring von Waffenstillstandsgebieten im ganzen Land durchzuführen.

Einheiten der Marineinfantrie, der mechanisierten Brigaden, Spezialeinheiten und der Militärpolizei sorgten vom ersten Tag an für eine stark bewachte Sicherheitszone für die Infrastrukturen in Tartus und Khmeimim. Teilweise wurden auch Angehörige der 810. Marineinfantrie-Brigade der Schwarzmeer-Flotte in diese Aufgabe eingebunden. Außerdem wurden T-90 Kampfpanzer stationiert, um eine nochmalige Stärkung der Sicherheit für diese Kräfte zu erreichen.


Luftverteidigung

Das russische Militär erweiterte seine Fähigkeiten zur Luftverteidigung signifikant, nachdem in Syrien am 24. November 2015 ein türkischer F-16 Kampfjet einen russischen Kampfbomber Su-24 nahe der türkisch-syrischen Grenze abgeschossen hatte. Der Vorfall veranlasste Russland zur Stationierung seines modernen S-400 Luftabwehrsystems, um seine Einrichtungen und Kräfte wirksam schützen zu können. Die russischen Kräfte in Syrien sind zudem durch folgende Systeme geschützt:

  • S-300V4 zur Bekämpfung ballistischer Raketen
  • Tor M2 Boden-Luft-Raketensystem
  • Buk-M2E lenkbares Mittelstrecken-Boden-Luft-Raketensystem
  • Osa; hochmobiles System zur Anwendung tieffliegender, taktischer Kurzstrecken-Boden-Luft-Raketen
  • S-125 Petschora 2M Boden-Luft-Raketensystem
  • Pantsir-S1; lenkbares kombiniertes Mittel- und Kurzstrecken-Boden-Luft-Raketensystem und Fliegerabwehrsystem

Kraschuka-4 und andere elektronische Waffensysteme sind weitere wichtige Komponenten der russischen Luftverteidigungskräfte. Experten zufolge, waren diese Systeme während der zwei von den USA angeführten Schläge mit Marschflugkörpern gegen Syrien aktiv und sehr wahrscheinlich ein wichtiger Faktor für den fragwürdigen „Erfolg“ dieser US-Attacken.

Zusätzlich zu diesen Luftverteidigungs-Kapazitäten erfolgte eine (wechselnde) Unterstützung durch die russische Marinegruppe im östlichen Mittelmeer. Die Raketenkreuzer der Slawa-Klasse (Moskwa und Warjag) waren zum Beispiel mit weitreichenden Boden-Luft-Raketensystemen vom Typ S-300F ausgestattet.


Marinekräfte

Die stationierte Marinegruppe verstärkte die Fähigkeiten der Streitkräfte in Syrien zur Bekämpfung gegnerischer Seestreitkräfte und schützte gleichzeitig die eigenen Kräfte. Im November 2016 gab das russische Militär offiziell bekannt, dass es sein Küstenverteidigungssystem K-300P Bastion-P mobile nach Syrien entsandt hat. Dieses Anti-Schiffs-Raketensystem wurde entwickelt, um gegnerische Überwasserkräfte, einschließlich Trägergruppen, Konvois und amphibischer Landungsboote zu bekämpfen.

Am stärksten waren die russischen Marinekräfte in der Zeit von November 2016 bis Januar 2017 in den Konflikt involviert, als der nuklear betriebene Schlachtkreuzer Pjotr Weliki, der Flugzeugträger Admiral Kusnezow und zwei U-Boot-Zerstörer der Udaloj-Klasse mit einer Reihe weiterer Versorgungsschiffe vor Ort operierten. Diese Gruppe erweiterte signifikant die Fähigkeiten zur Luftverteidigung  und der Bekämpfung von Kriegsschiffen und U-Booten.

Von Bord der Admiral Kusnezow nahmen außerdem Jets vom Typ Mig-29KR/KUBR und Su-33 an Luftoperationen gegen Militante in Syrien teil. Sie flogen 420 Einsätze und trafen 1.252 Ziele, so das russische Verteidigungsministerium. Allerdings verlor die Admiral Kusnezow dabei auch eine MiG-29K sowie eine Su-33 aufgrund technischer Fehler bei der Landung. Das wies auf die Probleme und Grenzen der Marinefliegerkräfte hin, vor allem mangelnde Ausgereiftheit der Technik. Bei beiden Unfällen konnten die Piloten durch die Rettungs-Teams lebend geborgen werden.

Auch vom Schwarzen Meer und der Kaspisee aus nahmen Kriegsschiffe teil. Sie griffen mit Marschflugkörpern vom Typ Kalibr Ziele des IS und von Jabhat al-Nusra an, hauptsächlich Waffendepots, Führungsstäbe und andere sogenannte Hochwertziele. Westliche Medien versuchten den Erfolg der Kalibr-Missionen herunterzuspielen, sowohl den von Überwasserschiffen als auch den von U-Booten. Doch zeigten die [erfolgreichen] Angriffe sehr deutlich die Fortschritte der russischen Rüstungsindustrie in der Produktion modernster Marschflugkörper, wie auch deren Anwendung durch das russische Militär.


Bodentruppen

Laut offizieller Verlautbarung der russischen Führung umfasste die Bodenkampagne Folgendes:

  • Spezialkommandos welche hinter den feindlichen Linien zur Ausspähung von Zielen für direkte Luftschläge und weitere nicht näher spezifizierte Aufgaben operierten
  • Weitere Militäreinheiten, welche die syrischen Streitkräfte trainierten und als Militärberater während der Gefechte vollständig in die syrischen Einheiten eingebettet waren
  • Mitarbeiter des russischen Zentrums für Versöhnung nahmen direkt am Versöhnungsprozess, einschließlich Verhandlungen mit lokalen politischen Gruppen und Führern militanter Gruppen teil und führten zudem humanitäre Einsätze durch.
  • Einheiten der Militärpolizei sorgten für Sicherheit und unterstützten bei der Wiederherstellung von Ordnung und Sicherheit in den befreiten Gebieten. Einige Militärpolizisten sind außerdem mit dem Schutz der russischen Militäreinrichtungen beauftragt und unterstützen die humanitäre Hilfe für die lokale Bevölkerung.
  • Pioniere, welche landesweit Minen beseitigten

Zudem wurden zwei weitere Komponenten russischer Militärkräfte in Syrien eingesetzt. Zum Einen waren das konventionelle als auch auf Raketen basierende Artillerie-Einheiten. Offensichtlich aus Russen bestehende Kräfte waren ausgerüstet mit 152 Millimeter-Haubitzen vom Typ Msta-B und schweren TOS-1A thermobarischen Raketenwerfern und wurden mehrfach in besonders wichtigen Sektoren der Frontlinie ausgemacht, sowohl bei offensiven als auch bei defensiven Operationen. So filmte CNN im Februar 2016 eine Msta-B-Artillerieabteilung in der Nähe von Palmyra, die von einer mit Kampfpanzern T-90 und Schützenpanzern BTR-82A bewaffneten Einheit, offensichtlich aus Russen bestehend, gedeckt wurde.

Ein offenes Geheimnis ist die Teilhabe privater Kontraktoren aus Russland (oder mit Verbindungen nach Russland), sogenannter Private Military Contractors (PMC) an dem Konflikt. Nach den zur Verfügung stehenden Daten, dienten deren Söldner in einer Reihe von Schlüsselgefechten gegen ISIS (so in Deir Ez-Zor und Palmyra) als Sturmtruppen, unterstützten Artillerieeinheiten und schützten befreite Öl- und Gas-Infrastruktur in Zentral-Syrien. Es gibt keine offiziellen Daten wie viele Söldner aus diesen PMCs eingesetzt wurden. Man schätzt ihre Zahl auf etwa 2.000.


Syrien-Express

Parallel zur direkten militärischen Intervention verstärkte Russland die Militärhilfe für die Regierung in Damaskus und dessen Verbündete. Dafür richtete Russland ein luft- und seegestütztes Versorgungs-Netzwerk ein, welches als „Syrien-Express“ bekannt wurde. Die Syrische Arabische Armee (SAA) und sanktionierte Pro-Regierungsfraktionen wurden mit militärischer Ausrüstung, wie gepanzerten Fahrzeuge und Kampfpanzern, Artilleriegeschützen, Mehrfachraketenwerfern, panzerbrechenden Lenkraketen und weiterer erforderlicher Bewaffnung und Munition versorgt.

Es ist allgemein bekannt, dass Moskau zudem eine begrenzte Anzahl von T-90 Kampfpanzern, TOS-1A thermobarischen Raketenwerfern und Uragan Mehrfachraketenwerfern lieferte. Das syrische Militär erhielt zudem Pantsir-S1 Luftverteidigungssysteme und materielle Unterstützung zur Wartung seiner Luftwaffe und Luftverteidigungssysteme.

Bis zu 17 Schiffe verschiedener Typen waren in die Versorgung mit militärischen Gerät für Syrien über die Seeroute Tartus (Syrien) – Sewastopol (Krim) – Novorossisk (Asowsches Meer) eingebunden. Es ist bemerkenswert, dass in einer kritischen Phase des Konflikts das russische Militär auch auf (zivile) Transportschiffe zurückgriff. Analysten wiesen darauf hin, dass Russland nur ungenügende Kapazitäten für den Transport auf See und eine sehr begrenzte Anzahl von Landungsschiffen und amphibischen Fahrzeugen besitzt, was sich bei der Versorgung für Syrien deutlich sichtbar machte.  Dieser Mangel für die russische Marine dürfte durch den in den vergangenen Jahren in verstärkten Maße eingeleiteten Bau großer amphibischer Kriegsschiffe langsam behoben werden.

Fortsetzung >>>


Anmerkungen

Der Originaltext wurde nicht eins zu eins, sondern sinngemäß und in eine gut lesbare Form übersetzt und außerdem dort, wo es mir angemessen erschien und der Kontext nicht gefährdet war, auch leicht eingekürzt. Es geht mir um die Weiterreichung der im Text enthaltenen Fülle von Sachinformationen an deutschsprachige Leser. Sollten trotzdem den Sinn entstellende Passagen durch fleißige wie aufmerksame Leser festgestellt werden, kann mir das gern mitgeteilt werden. Zum Verständnis sind einige wenige kurze Bemerkungen in Blockklammern sowie Direktverlinkungen hinzugefügt worden.

Dieser Artikel ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Beachten Sie bitte unbedingt auch die Urheberrechte von Southfront und vergessen Sie nicht, gut lesbar die Primärquelle dort, einschließlich des Direktlinks https://southfront.org/russian-military-campaign-in-syria-2015-2018/, mit anzugeben. Southfront bietet dort die Dokumentation auch als (englischsprachiges) Video an.

(Titelbild) russisches Kampfflugzeug Su-35; Autor: Netsyscom (Pixabay); Datum: 5.12.2016; Quelle: https://pixabay.com/de/suchoi-35-flugzeuge-russische-1880484/; Lizenz: CC0 Creative Commons

4 Kommentare

  1. Raketenkreuzer Admiral Kusnezow – bei einer sinngemäßen Übersetzung sollte man das Schiffchen „Flugzeugträger“ nennen, die offizielle Bezeichnung wäre eher „flugzeugtragender Kreuzer“. (Russ. „z“ wird deutsch als z, englisch als ts transkribiert, daher Kusnezow und Panzir)
    Die Su-33 und MiG-29K sind jeweils bei verfehlter Landung abgestürzt, „technisches Problem“ – ja, aber nicht „bei der Wartung“.
    Was mir in dem Southfront Video aufgestoßen ist (und hier auch), die Erwähnung von S-125, Uralttechnik, die nicht mehr im Bestand der russ. Streitkräfte ist.

    Ich fand den Beitrag sehr interessant. Allerdings auch sehr pragmatisch hinsichtlich der Zielstellung – ohne weiterreichende geopolitische Ambitionen. 2015 sah ich die Hauptaufgabe der Russen in Syrien darin, aufzupassen, dass die SAA nicht immer Mal wieder ausversehen von den „terrorbekämpfenden“ IS-Luftwaffen der IAF und USAF getroffen wird, was gefühlt immer dann passierte, wenn die SAA auf der Siegstrecke war, was die Moral sicher erheblich drückte. Es wurde dann aber doch deutlich mehr. Und faszinierend, wie das Konzept der Versöhnung geradezu radikal umgesetzt wurde. Die Lehren aus Afghanistan hat man offensichtlich beherzigt.

    1. Super, danke für die Hinweise – sie sind bereits „verhackstückt“.
      Ihre Meinung zum Artikel (zwei folgen ja noch!) ist im Großen und Ganzen auch die Meine. Was den geopolitischen Ansatz betrifft, siehe auch der Link weiter unten in den Kommentaren.

      Herzliche Grüße, Ped

  2. Ich bin erstaunt über die sehr detaillierten Angaben zu den Zielen der Mission und deren Ausstattung, die man bislang auch in alternativen Medien vergeblich sucht. Hat der Autor möglicherweise geschrieben, aus welchen Quellen er diese Informationen hat?

    1. Southfront bezieht sich sehr oft auf das russische Verteidigungsministerium, das auch ich gern als Quelle bemühe. Außerdem sind es die syrischen Regierungsbehörden und mit Sicherheit auch Quellen vor Ort. Dazu kommen Nachrichtenagenturen – nicht nur SANA und TASS sondern auch Reuters und außerdem grast Southfront intensiv die Medien im arabischen Raum ab (Syrien, Libanon, Iran, Israel und auch die Türkei und nicht zuletzt kurdische Medien, sowie die der „Opposition“) und prüft zudem westliche Medien-Quellen (wie zum Beispiel CNN).

      Übrigens habe ich etwas in der Art schon einmal selbst versucht: Türkische Gratwanderungen (2)

      Herzliche Grüße, Ped

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